Dienstag, 11. September 2012
Thema: SPD
„Die Gesamtschule rennt bei mir offene Türen ein.“ So sprach der Vorsitzende des Frechener Ortsvereins der SPD Herr Ulrich Lussem am gestrigen Abend bei einer Versammlung von Bündnis 90/die Grünen. Und er fragte (rhetorisch) wer denn sage, die SPD sei gegen die Gesamtschule.
Das ist nun bereits die zweite eindeutige Wortmeldung eines Genossen / einer Genossin zu diesem Thema. Die frühere Vorsitzende des Schulausschusses und jetzige Landtagsabgeordnete Brigitte D’Moch-Schweren erklärte einstens in einer Ausschusssitzung, dass auch sie im Herzen für die Gesamtschule sei.

Jetzt aber zählt Herz sehr wenig in der Politik. Entscheidend ist, was hinten raus kommt, wie unser früherer Bundeskanzler so treffend formulierte.

Und da sind die Zweifel bisher nicht auszuräumen. So ist bekannt, dass die schulpolitische Sprecherin der Frechener SPD, Doris Steinmetzer eine beinharte Befürworterin der Sekundarschule sein soll. (Inwiefern ihre eigene beruflich-soziale Stellung als Hauptschullehrerin da eine Rolle spielt, sollte vielleicht auch einmal reflektiert werden …).
So hat wohl ein führendes Mitglied der Frechener SPD, es könnte sich um die eben erwähnte schulpolitische Sprecherin gehandelt haben, gegenüber einem Mitglied des Pullheimer Familiennetzwerkes in den Sommerferien geäußert, dass es in Frechen keinen Bedarf für Veränderungen der Schullandschaft gebe.

Ebenso geht das Gerücht, dass der SPD-Ortsverein vor rund einem Jahr in einer Mitgliederversammlung einen Beschluss gefasst hat, mit dem sich eben dieser Ortsverein sich explizit für den NRW-Schulkonsens ausgesprochen habe und damit implizit für die Sekundarschule. Dieser Beschluss soll einstimmig bei Anwesenheit des Ortsvereinsvorstands und des Genossen Beigeordneten gefällt worden sein.
Der SPD-Antrag vom 27.September 2011 ist dann logische Konsequenz dieser Entscheidung:
„Nach unserer Auffassung sollte die Sekundarschule in Frechen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichten.
Die Sekundarschule ist eine neue Schulform, die es der Stadt Frechen als Schulträger erlauben würde, dem Elternwunsch nach längerem gemeinsamen Lernen nachzukommen und die so flexibel ist, dass ihre Integration in die Frechener Bildungslandschaft eher möglich scheint, als dies z. B. bei einer Gesamtschule der Fall wäre.“
Bisher hat sich die SPD-Frechen von diesem Beschluss nicht verabschiedet.

Aber wie wir aus wohlunterrichteten Pullheimer Quellen wissen, ist ein solches Doppelspiel nicht karrierehemmend. Der frischgekürte Bundestagskandidat für den hiesigen Wahlkreis, der Pullheimer SPD-Politiker Dirk Timm hat unter hohem persönlichem Einsatz alles getan, um in Pullheim eine Gesamtschule zu verhindern. In seiner Kandidatenrede am vegangenen Samstag jedoch sang er eine Eloge auf die Gesamtschule. Klar, denn er benötigte ja die Stimmen der Hürther Genossinnen und Genossen und die sind für eine Gesamtschule.

Wir können daher gespannt sein, wo sich die Frechener Genossen verorten, in der gesamtschulfeindlichen Tradition des Herrn Timm oder bei den „offenen Türen“ des Herrn Lussem.

12. Sept. 2012; KR; Bericht von der Veranstaltung von Grünen/Bündnis 90 zur Gesamtschule
Mechthild Vogt-Papenhoff, Keiner soll zurückbleiben:Gesamtschule fördert alle Schüler – die guten und die schwachen
Grußwort v. Prof. Dr. Anne Ratzki




Donnerstag, 6. September 2012
Passend zu den aktuell laufenden Diskussionen über die Schullandschaft in Frechen hat das Unternehmen Jako-O seine zweite Bildungsstudie veröffentlicht.
Einige dieser Ergebnisse sollten unsere SchulpolitikerInnen sich zu Herzen nehmen, denn die befragten Eltern haben klare Signale gesetzt, was ihnen wichtig ist:

1. 79% aller befragten Eltern wünschen eine Rückkehr zum G9-Gymnasium, nur 17% würden freiwillig G8 wählen.
Nachdem in NRW eine Rückkehr zum G9-Gymnasium derzeit nicht erkennbar ist, sind die Bildungspolitikerinnen aufgerufen, Gesamtschulen zu fördern, da in den Gesamtschulen G9 praktiziert wird.

2. Die Eltern haben ebenso klar erkannt, dass das deutsche Schulsystem in erster Linie dem Leistungsprinzip folgt, denn 74% erklärten, dass „Leistung“ im Vordergrund stehe. Dabei wünschen sich Eltern viel mehr, dass das Sozialverhalten dder Kinder gefördert wird, dass alle Kinder die gleichen Bildungschancen erhalten und dass schwache Kinder besonders gefördert werden.

3. Ebenso eindeutig ist der Wunsch der Eltern, Kinder längeres gemeinsames Lernen zu ermöglichen, wobei der Wunsch bei den Eltern am ausgeprägtesten ist, die eine Chancengleichheit im Bildungssystem nicht realisiert sehen.
Ebenso ist erkennbar, dass Eltern mit hohen Bildungsabschlüssen in hohem Maße für längeres gemeinsames Lernen plädieren. D.h.: Eltern, die selber das Gymnasium besucht haben, wünschen für ihre Kinder längeres gemeinsames Lernen.
Dieser Wunsch ist bisher nur im Rahmen einer Gesamtschule umsetzbar.

4. Lernbedarf dagegen haben alle Beteiligten noch beim Thema Inklusion, denn Eltern können sich mehrheitlich Inklusion für körperbehinderte Kinder vorstellen, ebenso bei Kindern mit Lernschwierigkeiten. Aber aktuell kann nur eine Minderheit unter den Eltern sich vorstellen, dass geistig behinderte oder auch verhaltensauffällige Kinder im Regelschulbetrieb unterrichtet werden.
Ebenso auffällig dabei, dass dem gemeinsame Unterricht von nichtbehinderten und behinderten Kindern nachgesagt wird, das Sozialverhalten der nichtbehinderten Kinder zu verbessern. Trotzdem glaubt eine Mehrheit der Eltern, dass behinderte Kinder auf Förderschulen besser gefördert würden.

Die Geschäftsführerin von Jako-O, Frau Bettina Preetz formuliert treffend den inneren Zusammenhang von Chancengleichheit, längerem gemeinsamem Lernen und Inklusion:
„die von den Eltern geforderte Chancengleichheit für alle Kinder, lassen sich meiner Meinung nach auf eine Kernaussage herunterbrechen: Unser Schulsystem muss insgesamt flexibler werden. Es ist nicht gut, die Kinder durch Druck an die Schule – egal welcher Schulform – anpassen zu wollen. Dazu kommt, dass ein modernes Schulsystem seine Schüler nicht aussieben sollte. Im Gegenteil: Es nimmt alle Schüler so an wie sie sind und fördert ihre Stärken. Wie dies gelingen kann, habe ich auch erst gelernt als ich mich mit dem Thema Inklusion beschäftigt habe. Inklusion – das gemeinsame Unterrichten behinderter und nicht behinderter Kinder in einer Klasse – kann der Katalysator für unser gesamtes Schulsystem sein. Denn eine Schule, in der unterschiedlich leistungsstarke Kinder gemeinsam lernen, kann nur mit modernen Unterrichtsmethoden funktionieren, mit Lehrern, die das ganze Kind sehen und es individuell fördern können. Das Gute ist: Deutschland hat sich vertraglich zur flächendeckenden Einführung der Inklusion verpflichtet. Das heißt in letzter Konsequenz, dass in vielen Schulen kaum ein Stein auf dem anderen bleiben dürfte und die von vielen Eltern formulierten Wünsche nach individueller Förderung, neuen Unterrichtsmethoden und weniger Leistungsdruck kommen müssen.“




Montag, 3. September 2012
Die Entwicklung der Frechener Schullandschaft scheint sich zu einem netten kleinen Tänzchen zu entwickeln. Als hätte sie Frechen da schon gekannt, sang Petra Pascal 1972:
„Zwei Schritte vor und drei zurück,
so kommt der Mensch voran.“ (1)

Die zwei Schritte voran fanden vor der politischen Sommerpause statt, als einerseits fast 200 Eltern ihrem Wunsch nach einer Gesamtschule in Form eines Bürgerantrags Ausdruck verliehen und als dann ein von der Stadt beauftragtes Gutachterbüro der Stadt beschied, dass eine Gesamtschule für Frechen die vernünftigste Lösung sei.

Die Begründungen waren eindeutig:

Immer mehr Eltern wollen einen Gymnasialabschluss für ihre Kinder, immer weniger Kinder werden Förder- un d Hauptschulen besuchen. Diese Effekte lassen sich NRW-weit beobachten und die Qualität der einzelnen Schule spielt dabei keine Rolle. Selbst preisgekrönte Hauptschulen stehen vor dem Aus!
Dies führt in Frechen dazu, dass, wenn nicht gegengesteuert wird, innerhalb weniger Jahre die Hauptschule zu wenige SchülerInnen für einen regelhaften Betrieb haben, andererseits das Frechener Gymnasium auf massive Raumprobleme zulaufen wird.

Eine Gesamtschule wäre, so die Gutachter, in der Lage, sowohl das Hauptschulproblem zu lösen als auch das ungeregelte Wachstum des Frechener Gymnasiums in beherrschbare Bahnen zu lenken.

Vor der Sommerpause hatte man den Eindruck, dass fast alle Parteien gewillt seien, sich dem Thema unvoreingenommen zuzuwenden. Einzig die CDU zuckte und zögerte und konnte einen Änderungsbedarf nicht wirklich erkennen. Der CDU sei ins Stammbuch geschrieben, dass die NRW-Landesregierung erwartet, dass die Einschulungen an den Hauptschulen von 22.839 SchülerInnen (Schuljahr 2010/11) auf 3.420 SchülerInnen (Schuljahr 2016/17) zurückgehen werden. Damit ist kein Staat mehr zu machen. Verschärfend kommt hinzu, dass Hürth eine Gesamtschule eröffnen wird. Die Frechener Hauptschule wird mit Sicherheit SchülerInnen an diese neue Schule verlieren.

Auf der von nur wenigen Eingeweihten besuchten Informationsveranstaltung der CDU Ende August war denn wohl Tenor, dass die Frechener Schulwelt unverändert über die Zeit kommen soll. Ja, das mag den Traditionskompagnien der CDU so scheinen – da aber Eltern die Zukunft ihrer Kinder im Blick haben und nicht die hehre Vergangenheit des deutschen dreigliedrigen Schulsystems, wird es sich in kürzester Zeit weisen, dass die Zeit der Frechener Hauptschule abgelaufen ist.

Herr Uttecht seinerseits war auch etwas vorsichtiger, in einem Schreiben an die Mitglieder des Schulausschusses formulierte er, dass die Erfahrungen der Vergangenheit, dass, die Hauptschule also ihren Bestand mit mindestens 2 Zügen sichern und regelmäßig ausbauen konnte“ „genauso wenig als sicher gelten kann“ wie die Prognosen der Gutachter.

Spätestens aber mit der Hiobsbotschaft der wegbrechenden Gewerbesteuereinnahmen des größten Frechener Gewerbesteuerzahlers, der RWE Power AG, wird aus der Stadtverwaltung gegengesteuert.

Noch vor der Sommerpause hatte der Schulausschuss 2 Sondersitzungen ins Auge gefasst, um sich intensiv mit dem vorhandenen Schulangebot aber auch den möglichen Veränderungen auseinander zu setzen. Damals war geplant worden, Schulausschuss und Elternschaft gemeinsam mit den Informationen zu versorgen.

Das ist nun nicht mehr gewünscht. Die Informationsveranstaltung für den Schulausschuss soll von einem „noch später zu terminierenden Elterninformationsabend abgekoppelt“ werden. Diese Aussage lädt zu unterschiedlichen Interpretationen ein:

1. Eine gleichberechtigte Teilhabe der Eltern an Informationen und an der sich daraus ergebenden Diskussion über die Zukunft der Frechener Schullandschaft ist nicht erwünscht. Politik und Verwaltung wollen den Entscheidungen vorgreifen. Die Städte Pullheim und Rösrath haben es mit unterschiedlichem Erfolg vorgemacht, indem den Eltern nur eine Schulform, die Sekundarschule, angeboten worden ist.
2. Vor dem Hintergrund rückläufiger Steuereinnahmen will die Stadtverwaltung auf absehbare Zeit keine Veränderungen innerhalb der Frechener Schullandschaft, weil – logisch – Änderungen immer auch mit Bau- / Sanierungsmaßnahmen verbunden sind. Und das kostet Geld.

Zeitgleich und „sachlich richtig“ hat die SPD-Frechen ihre Pressemitteilung "Schullandschaft in Frechen" vom Juni 2012 aus dem Netz genommen – die Pressemitteilung klang zu sehr nach Veränderungswillen und das war denn doch nicht das, was der Frechener SPD gut zu Gesicht steht. (Wer vermutet, dass der strukturkonservative Grundzug der Partei vor Ort etwas mit der massiven Überalterung zu tun haben könnte, der liegt vermutlich richtig.)

Die Probleme werden dadurch aber nicht geringer. Es mag sein, dass es Verwaltung und großer Koalition gelingen wird, das Thema zu vertagen. Wer aber in diesen Kreisem glaubt wirklich, dass die Eltern sich so verhalten, wie von Politik und Verwaltung erträumt?

Ach ja, die Strophe von P.Pascal ging dann noch weiter:

Alles auf einmal kriegt man nicht
und meistens dauert’s lang.

So oder so, auch die Frechener werden den gesellschaftlichen Wandel nicht aufhalten. Man kann ihn gestalten, man kann ihn erleiden. Die Frechener scheinen ein Faible für’s Erleiden zu haben, denn vor dem Gestalten schrecken sie zurück.



(1) Zugegebenermaßen hat sie „Drei Schritte vor und zwei zurück“ gesungen, aber mal ehrlich, andersrum passt es doch viel besser, oder?">