Sonntag, 18. Januar 2026
Thema: Grube Carl
… und es geht wieder los.
Viele Jahre war es ruhig im Stadtteil Grube Carl. Die ehrgeizigen Wohnbauplanungen schienen eingeschlafen. Doch im zurückliegenden Wahlkampf kam wieder Bewegung auf. Einerseits war es der Stadt Frechen nach vielen Jahren der Verzögerung gelungen, im vergangenen Jahr den Startschuss für die Erschließung des neuen Wohngebiets an der Ammerstraße in Frechen-Habbelrath zu erteilen. Andererseits hatte bspw. die CDU im Wahlkampf gefordert, endlich auf Grube Carl weiterzubauen.

Nun hat die Stadtverwaltung anscheinend wieder Kapazitäten, um sich der Grube Carl zuzuwenden.
Es ist ja nicht der erste Anlauf, aber schon, bevor die städtischen Planungen veröffentlicht sind, kracht es an allen Ecken und Enden.

Wobei die Konfliktlinien aktuell recht unklar sind.

Die Grünen scheinen nicht so genau zu wissen, was sie wollen, denn noch im Oktober 2024 forderten sie im grünen Duktus eine Anpassung der Planungen für den Stadtteil:
Man forderte ein „zukunftsfähiges Mobilitätskonzept“, eine Abkehr von der „Dominanz des Autoverkehrs“, und sie kritisierten den „geringen Anteil von gefördertem Wohnungsbau und viele Einfamilienhäuser“.
* Geplantes Neubaugebiet Grube Carl – Grüne beantragen ein Mobilitätskonzept sowie umfangreiche Klimaschutzmaßnahmen
Mit anderen Worten: keine generell Widerspruch im Hinblick auf die Weiterentwicklung des Stadtteils.

Nun scheint sich die Positionierung geändert zu haben, denn 2026 braucht Frechen „das Baugebiet nicht, die Einwohnerzahl sei völlig stabil, es bestehe kein grundsätzlicher Neubedarf an Wohnungen: „Es wird nicht für Frechener, sondern für Kölner oder andere Menschen im Umland entwickelt. Wenn das so gewollt ist, dann muss der Bürgermeister das ehrlich den Menschen sagen“, kritisieren die Fraktionsvorsitzende Uta Spork und ihr Stellvertreter Professor Stefan Sporn.“
* Grüne in Frechen fordern ein Ende der Pläne für das Neubaugebiet Grube Carl
Nun ja ein etwas schräges Argument hinsichtlich einer Kommune im Speckgürtel einer Großstadt, bei der angenommen werden darf, dass vermutlich rund 50% der Einwohner*innen keine autochthonen Frechener*innen sind, sondern im Laufe der vergangenen 30 Jahre irgendwann zugezogen sind. Aber sei’s drum, das ist nicht kriegsentscheidend.

An dieser Stelle schaltet sich die SPD ein und verweist darauf, dass in einem Gutachten der Bedarf von 3.500 gemeinwohlorientierten Wohnungen für Frechen nachgewiesen worden ist. (KStA v. 17.01.2026: Scharfe Kritik der SPD an den Grünen) Dieses Argument wäre dabei deutlich glaubwürdiger, wenn dieselbe SPD im gleichen Zuge gefordert hätte, eine städtische Wohnbaugenossenschaft zu begründen, in der die Stadt die Grundstücke einbringt und Frechener*innen Genossenschaftsanteile erwerben können, um damit ein Anrecht auf eine entsprechend preiswert zu vermietende Wohnung zu erwerben.
Aber Genossenschaften sind nicht das Ding der lokalen SPD. Es ist damit zu rechnen dass die Entwicklung des Stadtteils privaten Immobilienentwicklungsgesellschaften übergeben wird, denn die Stadt muss sparen ,,, Und deshalb wird diese SPD die Vermarktung und den Bau der Häuser mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dem „segensreichen Wirken des Marktes“ überantworten.

Viel wichtiger scheint aber zu sein, dass die Kritik, die von den Grünen ebenso wie von der neugegründeten Bürgerinitiative im Stadtteil thematisiert wird, als Kritik an der Verwaltung formuliert wird. Kritisiert wird eine unzureichende Informationspolitik der Stadtverwaltung und eine Geheimhaltungspolitik rund um die Planungen im Rahmen der damit beauftragten Stadtentwicklungsgesellschaft.

Ja, das Thema ist nicht wirklich neu, denn die Stadtentwicklungsgesellschaft war schon immer ein höchst geheimes Gremium, man darf sich daher sehr wohl fragen, welchen politischen Sinn diese Stadtentwicklungsgesellschaft hat, aber in der Öffentlichkeit wurde diese Frage wohl nie kontrovers diskutiert. Selbst der 2012 eingerichtete Planungsbeirat wurde als Verschlusssache behandelt. Die Bürger*innen des Stadtteils, die beratend hinzugezogen wurden, waren zur strikten Geheimhaltung verpflichtet worden. Auch dies stieß von Seiten der im Rat vertretenen Parteien nicht auf Kritik.
* Der Planungsbeirat Grube Carl als Verschlusssache
* Eine Zensur findet statt: Planungsbeirat Grube Carl

Jedoch mussten die Planungen des Stadtteils Grube Carl schon immer durch den Stadtrat. Die Planungen des Stadtteils wurden dabei mehrfach angepasst, es wurde umgeplant und die Planungen wurden im Stadtrat präsentiert.
* Grube Carl - alle zusammenrücken - es soll dichter bebaut werden
Ein paar Aspekte, an die auch bei diesen Planungen angeknüpft werden könnte, wenn die Stadtteilentwicklung ernsthaft diskutiert werden sollte:

Erinnert sei dazu an das unendliche Thema einer Grundschule im Stadtteil, das die Einwohner*innen seit dem Bezug der ersten Wohnungen und Häuser begleitet hat.
* Keine Grundschule auf Grube Carl
* Zu wenig Grundschule im Frechener Westen?
Die Schule im Stadtteil ist nicht gekommen, stattdessen wurde die Lindenschule neu gebaut. Das war ausreichend solange der Stadtteil nicht weiter entwickelt wurde. Aber natürlich muss ein Stadtteilentwicklungskonzept die Schulfrage wieder aufrollen und beantworten.

Ebensowenig gibt es bisher ein städtisches Klimakonzept, das auch nur ansatzweise die Frage beantwortet, wie zukünftig mit sich aufheizenden städtischen Ballungsräumen umgegangen wird. Die Anzahl der sommerlichen Hitzetage steigt, aber in Frechen wird weiterhin so geplant wie vor 50 Jahren, als man den Begriff des Klimawandels in weiten Kreisen noch nicht einmal buchstabieren konnte.
Also werden die eh knappen unbebauten städtischen Flächen in diversen Planungen für zukünftige Bebauungen, seien es Wohngebiete, seien es Gewerbegebiete, verplant.
* Klimawandel und verfehlte Stadtplanung
* Kein Klimagutachten
Gleiches gilt zum Thema Mobilität. Vor 20 Jahren noch wurde dem Stadtteil eine Straßenbahn versprochen. Gut, 20 Jahre sind eine lange Zeit.
* Die Linie 7, sie muss kommen
Die aktualisierten Planungen sehen die Linie 7 in Kerpen enden. Die Linie 7 wird bei diesen Planungen den Stadtteil nicht mehr durchfahren.
* Stadtbahnvorhaben „Verlängerung Linie 7 Frechen – Kerpen“ | Beteiligung NRW Rhein-Erft-Kreis
Was natürlich für ein zukunftsweisendes Mobilitätskonzept eine Katastrophe ist, wenn ein Stadtteil für mehr als 5.000 Einwohner*innen ohne Straßenbahn geplant wird.

Aber in Frechen spielt das keine wirklich gravierende Rolle, denn in Frechen bleibt das Auto das dominante Fortbewegungsmittel, von daher erübrigt sich das Nachdenken über ein Mobilitätskonzept das sich bewusst gegen diese Form der Mobilität positioniert. Das mag in Paris funktionieren, oder in Gent oder in der einen oder anderen niederländischen Stadt, aber doch nicht in Frechen.
* Der Klimawandel findet nicht statt: Stadtteilentwicklung in Frechen

Erinnert sei an dieser Stelle nur an all die wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass Radwege baulich eindeutig von den Straßen abgetrennt sein müssen, um dem Sicherheitsbedürfnis der Radfahrenden zu genügen.
* Moordstrokje
Sobald es aber diese eigenständige Radwege gibt, eine Stadt über ein überzeugendes Netz an Radwegen verfügt, erhöht sich auch die Anzahl an Menschen, die das Fahrrad im Alltag nutzen. Da man aber hierfür den Straßenraum neu verteilen müsste, wodurch bspw. Parkmöglichkeiten am Straßenrand entfallen würden, wird in Frechen auf absehbare Zeit nichts geschehen. In dieser Stadt ist ja schon das kostenpflichtige Parken in der Innenstadt ein Sakrileg.
* 19. Juli 2022, 37 Grad Celsius, ein Parkhaus und ein eklatanter Mangel an Phantasie
Der Wegfall von Parkraum wird da leicht zur Gotteslästerung.

Nun aber zurück zum Thema des geforderten Planungsstopps auf Grube Carl:

Es gibt gute Gründe, einen Planungsstopp zu fordern, jedoch sind die von den Grünen und der neugegründeten BI bisher vorgetragenen Gründe nicht wirklich überzeugend.

Das Argument eines Frechener Baugebiets nur für Frechener klingt einfach hinterwäldlerisch, und der Verweis auf auf die noch "intakte Natur mit Rehwild, Schwarzwild und Niederwild auf den ausgewiesenen Planungsflächen“
* Bürgerinitiative Grube Carl: Wie geht‘s weiter auf Grube Carl?
klingt schon deshalb seltsam, da die Flächen, die bebaut werden sollen, nur eine überschaubaren ökologischen Nutzen haben, denn sie sind landwirtschaftlich genutzt, und dies noch nicht einmal ökologisch sondern konventionell, also potenziell mit Hilfe von bspw. Kunstdünger und/oder Einsatz von Pestiziden.