Montag, 14. Oktober 2019
Thema: Umwelt
Der Rat der Stadt hat sich in seiner letzten Sitzung am 08. Oktober 2019 gegen die Ausrufung des lokalen Klimanotstandes ausgesprochen.
Dies ist eine in sich konsequente und stringente Entscheidung, da weder die Verwaltung noch die hiesigen Parteien bereit sind, sich den Anmutungen der Klimakrise zu stellen.

Liest man die Anträge der Parteien die im Zusammenhang mit den Notstandsbeschlüssen anderer Kommunen auch in Frechen formuliert wurden, so stellt man fest, dass die Uhren in Frechen anders gehen. Abseits der einleitenden Sätze, die „zügiges globales Handeln“ (FPD) fordern, die von „weltweiten Bemühungen über Jahrzehnte, den Ausstoß von Klimagasen zu reduzieren“ (Grüne) fabulieren, oder ganz allgemein finden, dass „negative Auswirkungen auf das Klima zu vermeiden“ (Perspektive für Frechen) seien, findet sich nachfolgend keine konkreten Vorschlägen, was auf kommunaler Ebene getan werden könnte.

Die „Perspektive für Frechen“ findet, dass man doch bitte schön mal in die Klimadiskussion einsteigen solle und ja, „klimafreundlichen Entscheidungen und Maßnahmen sollte Priorität eingeräumt“ werden.
Die FDP verlagert das Problem gleich mal auf die nächsthöheren Etagen und findet, dass Frechen fordern solle, dass Bundes- und Landesregierung NRW umfassend und regelmäßig über den Klimawandel, seine Ursachen und Auswirkungen“ informieren solen.
Daneben soll Frechen immerhin „die ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Nachhaltigkeit bei „relevanten Entscheidungen berücksichtigen“ und „Entscheidungen prioritär behandeln, die den Klimawandel oder dessen Folgen abschwächen.“ Und dann soll doch Frechen „gegenüber Wirtschaft und Bürgern für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen werben.“

Die FDP-Formulierungen finden sich dann alle wieder im gemeinsamen interfraktionellen Antrag von FDP, CDU und Grünen. Das Ganze wurde in diesem Antrag noch ergänzt um die übliche kommunale Vertagungspraxis, in dem man einerseits vorschlägt, einen Arbeitskreis zu gründen und andererseits die Erstellung eines Klimaschutzkonzeptes beauftragen und, Achtung „Highlight“, die Stelle eines/einer Klimaschutzmanagers/-in schaffen will.

Das klingt doch mal gut, ist aber Mumpitz, denn konkret heißt das Alles gar nichts.

Konkret bleibt festzuhalten, dass in den vergangenen Jahrzehnten fast nichts unternommen wurde, um den Ausstoß von Klimagasen zu reduzieren. Weder lokal, noch national oder global. Das der Menschheit zur Verfügung stehende Zeitfenster, um die gravierendsten Folgen der Klimakatastrophe noch zu vermeiden, wird von Tag zu Tag kleiner. Irgendwelche Träume von der Wundermaschine, mit deren Hilfe sowohl die Klimagase der Atmosphäre entzogen werden und gleichzeitig das massive Artensterben und die Zerstörung der Umwelt gestoppt werden könnten, sind eine große Illusion. Dieser öffentlich gelebte technizistische Machbarkeitswahn ist nur funktional zu verstehen, da man mit Verweis auf technische Erfindungen, die noch zu machen sind und deren Umsetzung in noch weiterer Ferne liegen, aktuelle Veränderungen erfolgreich ausbremsen will und auch ausbremst.

Vor diesem Hintergrund sind die Äußerungen der Frechener Parteien zum Klimanotstand zu bewerten.

So wird von „relevanten Entscheidungen“ gesprochen, ohne dass auch nur ein einziger Hinweis erfolgt, welche Entscheidungen in das Raster „klimarelevant“ fallen könnten und die Aussage, man wolle „die ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Nachhaltigkeit“ (…) berücksichtigen“, schafft auch kein wirkliches Vertrauen. „Berücksichtigen“ beschreibt eine politische Leerformel, denn beim „Berücksichtigen“ ist man zu nichts verpflichtet, insbesondere dann nicht, wenn man bestimmte Grundsätze nur bei „relevanten Entscheidungen“ „berücksichtigen“ will.

Aber es klingt halt gut.

Es wird aber sofort eine weitere Einschränkung formuliert. Bei den „relevanten“ Entscheidungen dürfe das Ziel nur lauten, dass die Entscheidungen, „soweit möglich“ positiven Einfluss auf den Klimawandel nehmen sollen. Mit anderen Worten: wenn andere Aspekte eine deutlich höhere Priorität genießen, so dürfen auch negative Einflüsse auf den Klimawandel in Kauf genommen werden.

Das nennt sich dann: Kollateralschaden, es gibt halt Wichtigeres als das Klima.

Aber „täterätää“, es wird ja nun ein/e Klimaschutzmanager/-in eingestellt und der oder diese wird uns retten. Naja, nur ein bisschen und nur auf Zeit, denn er oder sie soll nur befristet eingestellt werden. Und dann soll er oder sie sich auch nur um die Erstellung des Klimaschutzkonzeptes kümmern. Und wenn dann ganz viel klimaneutral erzeugtes Papier vollgeschrieben ist, dann wird der/die Klimamanager/in die Stadt Frechen auch wieder verlassen dürfen. Inzwischen werden die übrigen Ressorts der Stadt munter Entscheidungen vorbereiten und umsetzen, die grundsätzlich alle als irrelevant im Hinblick auf das Klima zu betrachten sind.

Und dann hat Frechen ein Klimakonzept und alles wird gut. So viel Lösungsorientierung war selten in Frechen. Echt.

Der Vertreter der SPD, Jürgen Weidemann, sprach die Haltung des gesamten Stadtrates, politisch vielleicht etwas unklug, aber in seiner Offenherzigkeit dafür glaubwürdig, sehr deutlich aus. Die Möglichkeiten der Stadt, auf den Klimawandel Einfluss zu nehmen, sei gering und im Bereich Gebäude und Fuhrpark sei schon vieles geregelt. (KStA v. 12./13.10.2019)

Ein Armutszeugnis, denn natürlich kann auf kommunaler Ebene einiges unternommen werden:
So entstammen gut ein Fünftel der CO2-Emissionen in Deutschland dem Verkehr. Will man diese Emissionen reduzieren, dann muss man in das individuelle Mobilitätsverhalten eingreifen. Mit Angeboten und mit Verboten. Auf lokaler Ebene wäre dabei daran zu denken, dass man endlich ein flächendeckendes Netz an abgetrennten Fahrradwegen baut (=Angebot) und gleichzeitig den Verkehrsraum, den man Autos eingeräumt hat, reduziert, also Parkplätze am Straßenrand zurückbaut, Autospuren zu Gunsten von Radwegen reduziert und generell das Parken im öffentlichen Raum so unattraktiv wie möglich gestaltet und mit einem hohen Preis belastet.(=Verbot). Erweiternd müsste man ganz dringend den schienengebundenen Nahverkehr ausbauen, also die Linie 7 nach Habbelrath verlängern, man müsste über eine neue Ringbahn nachdenken, die statt eines autobahnmäßigen Ausbaus der Bonnstraße, Pullheim – Brauweiler – Frechen – Hürth und Brühl verbindet. Ebenso wichtig wäre eine Verlängerung der Linie 1 bis zum westlichen Ortsende von Königsdorf und ein Ausbau der P+R-Angebots (=Angebot). Man könnte über überdachte Fahrradabstellplätze nachdenken und am Bahnhof Königsdorf ein Fahrradparkhaus wie in Horrem errichten.
Alles wunderbare Angebote, zielführend und in der Folge emissionsmindernd, da nur ein massiver Ausbau von schienengebundenem ÖPNV und der separierten Radwege dazu führen werden, dass die Menschen sich von ihren eingeübten Mobilitätsverhalten lösen und auf andere Verkehrsmittel umsteigen.



Für Köln wird für 2050 im heißesten Monat des Jahres ein Anstieg der Höchsttemperaturen um fast 6 Grad prognostiziert, berechnet auf der Basis eines CO2-Eintrags in die Atmosphäre, der bis zum Jahrhundertende mit einem Temperaturanstieg von 1,5 bis 2 Grad korrespondiert. Also alles eher konservativ und vermutlich viel zu positiv gerechnet. Selbst wenn der CO2-Ansteig jetzt massiv gebremst würde, muss in Köln also mit Höchsttemperaturen von deutlich über 30 Grad, in der Spitze von mehr als 35 Grad gerechnet werden. Da wird Frechen nur unwesentlich darunter liegen. Damit werden dann regelmäßig Temperaturen erreicht, die für ältere und kranke Menschen schnell tödlich werden können.
Statt nun also großräumig neue Wohn- und Gewerbegebiete zu planen, wäre es daher sinnvoller, einen Grünflächenentwicklungsplan aufzustellen.

Dabei geht es nicht nur darum, für genügend Bäume und Grünflächen zu sorgen, um die eng bebauten Stadtzonen gegen die kommenden extrem belastenden Hitzetage zu wappnen, nein, es muss auch damit gerechnet werden, dass die stadtbildprägenden Bäume, so etwa die Platanen, in den kommenden Jahren zu fällen sind.
Denn die Klimakrise führt zu einer trocken-heißen Witterung, die mit Wassermangel verbunden ist. Davon profitieren Pilze wie der Massaria-Pilz, der Platanen befällt. Bei älteren Platanen bildet sich dadurch verstärkt Totholz, das leichter bricht. Dieser Pilz war noch vor 10 Jahren in Deutschland unbekannt. Dank der steigenden Temperaturen ist er hier nun heimisch. Die Robinie ist durch den Eschenbaumschwamm bedroht, die Kastanie durch die Kastanienminiermotte, aus Asien kommend wurde der Laubbockholzkäfer hier heimisch, der gesunde Laubbäume befällt und zerstört. Die Liste der hier dank höherer Temperaturen heimisch gewordener Baumschädlinge könnte leicht verlängert werden. Es reicht, sich vorzustellen, wie der Freiheitsring, wie die Fußgängerzone, wie der Marktplatz ohne seine Platanen, wie der alte Friedhof neben St. Audomar ohne seine Kastanien aussehen wird.

Es gäbe also viel zu tun, aber: lassen wir es liegen. Nach diesem Motto handelt der Frechener Stadtrat mit der impliziten Unterstützung aller Parteien.

Dank der Fridays for Future – Bewegung wird aber täglich offenkundiger, dass diese Form des gepflegten Nichtstuns an ihr logisches Ende stößt. Die Wahlergebnisse der letzten Monate sprechen eine deutliche Sprache. Die Parteien, die systematisch jegliches Handeln verweigert haben, und bis heute gerne Handeln vortäuschen, wurden abgestraft. Die Grünen haben, im Grunde unverdient, davon profitiert.

Man denke nur an die Frechener Jamaika-Koalition und ihre klimapolitische Erfolgsbilanz. Wem hierzu etwas Substantielles einfällt, ist aufgefordert, darüber zu berichten ….

Aber die FFFs werden weiter demonstrieren. Extinction Rebellion wird weiter Straßen und Brücken blockieren. Das Frühjahr wird kommt und mit ihm wird deutlich werden, wie viele Bäume, die letzten beiden, der Klimakrise geschuldeten, heißen und trockenen Sommer nicht überlebt haben werden. (Wer mit offenen Augen durch Frechen läuft, kann die Baumleichen schon jetzt sehen. Und es werden mehr werden.)

Es ist zu hoffen, dass wir bei den Kommunalwahlen im kommenden Spätsommer auch hier erleben werden, dass das in der Bevölkerung gewachsene Bewusstsein über die Klimakrise sich auch im Wahlverhalten niederschlagen wird. Weder SPD, FDP und CDU dürften davon profitieren und für die Grünen ist zu hoffen, dass Anhänger und Anhängerinnen der FFF die Partei majorisieren, verjüngen und programmatisch wieder auf Kurs bringen.

Ein Erfolg der jetzigen Grünen ist klimapolitisch nicht mehr als ein Pyrrussieg.




Freitag, 27. September 2019
Thema: Umwelt
„Die Mobilität ist im Wandel und wird sich massiv verändern.“ sagt die CDU. So was sagen heutzutage viele, nur die Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen wären, die will man nicht ziehen.
So auch für die CDU Frechen, für die gilt, dass der Wandel irgendwo anders stattfindet, nur nicht in Frechen, denn
„Trotzdem wird das Auto – ob mit E-Antrieb oder Verbrennungsmotor auch in Frechen weiterhin eine große Rolle spielen.“

Genau - und was ändert sich dann?

Da lohnt ein Blick in die CDU-Presseveröffentlichungen der letzten Wochen. Denn es fällt auf: die CDU Frechen lebt den Traum vom Wandel, der nicht stattfindet.

Die CDU Königsdorf ist bspw. erschüttert, dass der Autobahnanschluss westlich von Königsdorf sich wieder mal um zwei weitere Jahre verzögert, denn, wenn der Autobahnanschluss endlich käme, so könnte man im Zentrum von Königsdorf weitere Parkplätze schaffen.
Genau: Mobilität wandelt sich,d aher benötigt Königsdorf noch mehr Parkplätze.

Für die Erweiterung des Stadtteils Grube Carl wünscht sich die CDU „ausreichend Straßen und Radwege (die) den Stadtteil mit der umgebenden Region verbinden. Es muss genug Parkraum geplant werden.“
Genau: Mobilität wandelt sich, deshalb braucht es ausreichend Straßen und Parkraum.

Und die Forderung nach einer weitere Straßenzufahrt, wir reden also über die Verlängerung des Freiheitsrings in den Stadtteil, will Frau Stupp in die Beratungen mitnehmen.
Genau: Mobilität wandelt sich, deshalb muss die Verlängerung des Freiheitsrings endlich gebaut werden.


Und in der aktuellen Debatte um ein Parkraumkonzept für die Innenstadt gilt, dass „die CDU keine Notwendigkeit für die Einführung von Parkgebühren“ sieht.
Genau: Mobilität wandelt sich, daher darf Parken in Frechen nichts kosten.

Man kann es ganz kurz machen: Die CDU lebt den Traum von der automobilgerechten Stadt fort. Zuerst das Auto dann der Mensch.

Nun ist aber seit einiger Zeit die Klimakatastrophe in aller Munde. Da muss man pro forma einige Zugeständnisse machen. Aber mehr als Lippenbekenntnisse erhält man nicht.
Dabei gilt, an ihren Taten sollt ihr sie erkennen und daran erkennt man sie, die falschen Umweltfreunde von der CDU.

Die Mobilität wird sich wandeln müssen. Und wer die Ergebnisse der UN-Studien zum Klimawandel zur Kenntnis genommen hat, der könnte verstanden haben, dass das hier praktizierte "Weiter so" massiv zur Zerstörung unserer Lebensgrundlage beiträgt.

Wenn man es mit dem Klimaschutz Ernst meinen würde, wenn man über blosse Lippenbekenntnisse hinausgehen wollte, dann müsste man jetzt schnelle Maßnahmen hin zu einer anderen Form der Mobilität einleiten.

Anstelle von Parkplätzen müsste man einen massiven und schnellen Ausbau des ÖPNV planen.
Statt über eine weitere Zufahrtsstraße für die Grube Carl nachzudenken, müsste man die Verlängerung der Linie 7 am besten bist Habbelrath und Grefrath beschließen.
Statt vom Autobahnanschluss im gedanklichen Kurzschluss über neue Parkplätze in Königsdorf nachzudenken, wäre ein Rückbau von Parkplätzen zu Gunsten des Ausbaus von Fahrradwegen eine angemessene Reaktion.

Vergleichbares gilt natürlich auch für die Frechener Kernstadt. Im frühen 19.Jahrhundert hat man die Stadtmauern geschliffen, um den Städten Entwicklungsraum zu geben, heutzutage gibt es keine Festungsmauern mehr, dafür ein Straßennetz, das die Innenstädte einschnürt. Und drum herum Parkplätze und Parkhäuser. Köln hat gerade erst entschieden, dass das Parken in der Innenstadt teurer werden muss. Frechen geht den umgekehrten Weg. Parken darf nichts kosten. So wird die bisherige Form der Mobilität zementiert und Lebensraum zerstört.

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Ja, das kann man.




Donnerstag, 4. Juli 2019
Thema: Umwelt
„Der Klimawandel hat das Potenzial, unsere natürlich Umwelt und die Weltwirtschaft schwer zu schädigen, und seine Bekämpfung ist eine der größten Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht.“
So Angela Merkel im Jahre 2007. Und im gleichen Jahr ergänzte sie:
“Ein Weiter-So gibt es nicht. Der Klimaschutz ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts.“

Im Grund war also alles gesagt. Trotzdem passierte nichts und die entscheidende Merkelsche Aussage fiel im Februar 2009 im Zusammenhang mit der Finanz- und nicht mit der Klimakrise:

"Ich halte das Vorgehen für alternativlos."

Wäre doch der Kampf gegen die Aufheizung ebenso alternativlos angegangen worden wie all die Maßnahmen im Rahmen der Bekämpfung der Finanzkrise …

Aber, die Klimakrise verschärft sich, sozusagen täglich, doch je drängender das Problem erscheint, desto weiter in die Zukunft werden die Entscheidungen bisher vertagt. Aktuell hoffen viele Politiker/-innen, dass die Sommerferien die „Fridays for Future-Bewegung“ einschlafen lässt. Dann, so die Hoffnung, kann man das Klimathema auch wieder etwas in den Hintergrund schieben. Endlich wieder „Business as usual“ betreiben.

Woran liegt dieses widersinnige Verhalten, vor dem Hintergrund, dass das Wissen über die Ursachen der Klimakrise seit Jahrzehnten ebenso bekannt ist wie das Wissen um die Folgen? Schlimmer noch, die Klimakrise hat die Erde bereits fest im Griff, die Effekte der Aufheizung sind nicht mehr zu übersehen und die Prozesse scheinen schneller abzulaufen, als die Wissenschaft angenommen hat. So tauen die Permafrostböden schneller auf als gedacht, heute bereits haben sie einen Zustand erreicht, der eigentlich erst 2090 erreicht sein sollte, die Eisverluste der inländischen Gletscher sind höher, die Meereisflächen verschwinden schneller, der Eisverlust Grönlands ist höher als erwartet. Jährlich erleben wir mehr Extremhitzetage und die Trockenheit in Europa nimmt zu. In Indien werden inzwischen lebensfeindliche Temperaturen von mehr als 50 Grad Celsius erreicht. Oder zurück auf die lokale Ebene: auf einer Veranstaltung berichtete ein Schadensregulierer einer in Köln ansässigen Versicherung, ohne eine Verbindung zur Klimakrise herzustellen, dass er diesen Job seit 25 Jahren mache. Früher habe es Frühjahrs- und Herbststürme gegeben, inzwischen gebe es auch regelmäßig Sommerstürme. Wer die Prognosen der Klimaforscher/-innen zur Kenntnis genommen hat, der weiß, dass es sich hier um die erwartbaren Folgen der Klimakrise handelt, ebenso wie lokale Starkregenereignisse und damit einhergehende Überschwemmungen. Die Klimakrise geht uns hier an den Geldbeutel andernorts ist sie bereits tödlich.

Warum aber passiert nichts, warum wird nicht gehandelt?

Hierzu eine Geschichte, die man vielleicht als Analogie zur Erklärungssuche heranziehen kann:
In vielen Unternehmen sind derzeit Unternehmensberater unterwegs, die das Thema „Digitalisierung“ treiben. Die gerne vorgetragene Story hierzu lautet, dass viele Unternehmen den umwälzenden Charakter der Digitalisierung nicht begreifen würden, da sie im „alten Denken“ verhaftet seien. Als „altes Denken“ wird dabei das Denken verstanden, das auf erworbenen Erfahrungen aufbauend diese in die Zukunft verlängert und auf dieser Basis die Geschäfte plant und steuert. Digitalisierung, so die Behauptung, wirke aber wie ein Bruch, wie ein „disruptive change“ so das schöne neudeutsche Wort. Als Beispiel dient immer die Firma Kodak, die zu den wichtigsten Firmen für fotografische Ausrüstung, vor allem für Filmmaterial, gehörte. Diese Firma habe auch die Grundlagen für die digitale Fotografie gelegt, das darin liegende wirtschaftliche Potential aber nicht erkannt, da dieses außerhalb des eigenen Erfahrungshorizonts gelegen sei und habe deshalb die Erfindungen, Entwicklungen und Rechte verkauft. Anschließend sei Kodak vom Erfolg der digitalen Fotografie überrollt worden und in Konsequenz in den Konkurs gegangen.
Der hier erfundene Begriff des „disruptive change“ ist nun nicht wirklich neu. Der Nationalökonom Josef Schumpeter begriff schon 1942 Wirtschaftskrisen auch als Prozesse der „kreativen Zerstörung“, bei denen im Prozess der Krise Neues entstehe und dadurch auch neues Wachstum generiert werden könne. Im Grunde bricht der neumodische Begriff des „disruptive change“ diese in einer Wirtschaftskrise erfolgende „schöpferische Zerstörung“ von einer gesamtwirtschaftlichen Ebene herunter auf die Ebene eines Einzelunternehmens bzw. der Ebene einer Gruppe von Unternehmen, die sich am Markt mit ähnlichen Geschäftsmodellen bewegen. Die Digitalisierung zerstört alte Geschäftsmodelle und erschafft neue. Unternehmen, die in alten Denkgewohnheiten verbleiben, die ihrem Erfahrungswissen mehr vertrauen als den Neuerungsversprechen sind in diesem Prozess der technologischen Erneuerung in ihrer Existenz bedroht.
Nun, vielleicht wirkt die Digitalisierung der Wirtschaft in dieser Form, entscheidend aber ist etwas anderes, worauf die Unternehmensberater/-innen mit ihrer Arbeit abzielen:
Sie wollen aufzeigen, dass der technologische Wandel historisches Erfahrungswissen rasch entwertet und ein „neues Denken“ in den Unternehmen Einzug halten müsse. Und viele Unternehmen haben dies als Herausforderung angenommen.
Wenn nun die Klimakrise neumodisch als „disruptive change“ verstanden wird, dann steht die Menschheit vor einem ähnlichen Problem wie die Unternehmen angesichts der Digitalisierung. Der durch die Aufheizung der Atmosphäre angestoßene Wandel verläuft aus Sicht der Menschheit derartig schnell, dass das gesamtgesellschaftliche historische Erfahrungswissen innerhalb kürzester Zeit überflüssig zu werden droht.

Diese kapitalen Veränderungen schlagen sich aber bisher nirgendwo wirklich nieder. Alle öffentlich zugänglichen Prognosen zur Zukunft der Menschheit, der Wirtschaft, einer Stadt oder Region schreiben die Entwicklungen der vergangenen Jahre fort. Nur ein Beispiel: in einem Artikel über die zukünftige Entwicklung der Volkswirtschaften in den kommenden 30 Jahren wird erklärt, dass sich die stärksten Volkswirtschaften 2050 im pazifischen Raum befinden werden. Hier sei die wirtschaftliche Entwicklung dynamischer als bspw. in Europa, hier fänden sich die höchsten Zuwachsraten. Hier, so der Tenor, liegt die Zukunft der Weltwirtschaft.

Nur, ist das auch stimmig, wenn man die bisher schon beobachtbaren Folgen der Klimakrise mitbetrachtet? Kann Indien seine Dynamik halten, wenn die Temperaturen ins Lebensfeindliche kippen? Was passiert, wenn die indischen Megacities ihre Grundwasservorräte aufgebraucht haben werden, einzelne Städte haben den Punkt bereits erreicht, und der notwendige Regen, der bisher mit großer jahreszeitlicher Regelmäßigkeit kam, nicht mehr fallen will? Müssen diese Städte dann mit „Wasserunruhen“ rechnen? Was passiert, wenn ganze Küstenstriche vom steigenden Meeresspiegel geflutet werden und Sturmfluten immer weiter ins Innenland vordringen, wenn die wirtschaftlichen Zentren unter Wasser stehen? Was bleibt dann übrig von einer Prognose, die den schwerwiegensten Bruch der Entwicklung nicht integriert hat?

Vergleichbares findet sich überall, sei es bei der Zunahme des weltweiten Flugverkehrs oder bei den Prognosen für die Zunahme des Autoverkehrs oder des Warentransports, national ebenso wie international.

Diese gesamten Betrachtungen kranken daran, dass sie historische Entwicklungen in die Zukunft fortschreiben, wobei die nicht formulierte Prämisse immer lautet: es geht so weiter, wie wir es die letzten 10, 20, 30 Jahre erlebt haben. Diese Prämisse beschreibt unser historisches Erfahrungswissen und führt uns alle in die Irre.
Dies ist den Menschen schon einmal passiert. 1789 brach in Frankreich die Französische Revolution aus und nur wenige Jahre später war nichts mehr wie zuvor, denn die Ereignisse in Frankreich haben bisher Undenkbares für breite Massen denkbar gemacht.
Ein König, der vor ein Gericht gestellt und zum Tode verurteilt werden kann – vor 1789 undenkbar.
Ein Volk, dass sich selbst regieren kann – vor 1789 undenkbar.
Dem Individuum innewohnenden Menschenrecht – vor 1789 undenkbar.
Ein Ende von Sklaverei und Leibeigenschaft – vor 1789 undenkbar.

Unsere heutige Welt beruht auf einem Ereignis, das radikal mit dem historischen Erfahrungswissen vieler Jahrhunderte brach und dem Träumen, Denken und Handeln eine neue Welt eröffnete.

Die Klimakrise ist ein ebensolches einschneidendes Ereignis. Nur bringt uns die Klimakrise kein neues Jahrhundert der Befreiung des Träumens, Denkens und Handelns sondern es zwingt uns zu einschneidenden und schmerzhaften Maßnahmen, um überhaupt eine Zukunft zu haben, in der wir alle noch träumen, denken und handeln können.