Montag, 5. Oktober 2026
Thema: Umwelt
Es war einmal... Oder "Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ so formulierten Karl Marx und Friedrich Engels ihre Zukunftserwartungen 1848 im Kommunistischen Manifest.
Ja, damals gab es eine Hoffnung für die Unterdrückten der Welt, die nichts zu verlieren hatten, als ihre Ketten.

Der Sozialismus, der Kommunismus transportierten die Idee einer Gesellschaft der Gleichen, einer Gesellschaft ohne materielle Not, einer Gesellschaft, in der diejenigen, die die materiellen Werte produzierten, die die modernen und arbeitsteilig organisierten Gesellschaften benötigten, ihren gerechten Lohn erhalten würden und über die Entwicklung der Gesellschaft mitbestimmen dürfen.
Diese Vision einer gerechten (sozialistischen) Gesellschaft wurde spätestens 1989 auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen.

Stattdessen gibt es heute nur noch eine alternativlose Vision unserer planetaren Zukunft. Diese ist kapitalistisch und dem technologischen Fortschritt verpflichtet. Der allgemeine Rahmen ist eine Wettbewerbswirtschaft die sich als Marktwirtschaft präsentiert und die behauptet, dass ihr Wirken dafür sorge, dass es allen Menschen besser gehen könne, lasse man dieser Wirtschaft nur ihren freien Lauf. Um diese segensbringenden Wirkungen zu entfalten, ist die kapitalistische Wirtschaft auf dauerhaftes und im Grunde unendliches Wachstum angewiesen.

Nun wissen wir natürlich, dass ein unbegrenztes ökonomisches Wachstum im Rahmen der planetaren Grenzen unmöglich ist.
Wir sehen auch, dass diese Wirtschaft auf billige Rohstoffe angewiesen ist, wofür die Zerstörung der Biosphäre billigend in Kauf genommen wird.
Wir wissen ebenso, dass diese Wirtschaft unendliche Mengen an Abfall produziert, womit der Planet und damit Natur und Menschen vergiftet werden. Man denke nur an die giftigen Hinterlassenschaften bei der Extraktion von Rohstoffen oder die Abfälle der Petrochemie, die Vergiftung des Trinkwassers durch Pestizide oder die Ewigkeitschemikalien, die sich auch im menschlichen Körper anreichern.
Und es ist uns klar, dass es hierfür bisher und auf absehbare Zeit keine Lösung gibt, kein Recycling, keine dauerhafte Lagerung, nichts was uns von den giftigen Hinterlassenschaften des kapitalistischen Produzierens befreien wird.
Ebenso ist im Grunde bekannt, dass die globalisierte Wirtschaft auf ungleichen Austauschverhältnissen beruht, die Ausbeutung der schwachen Volkswirtschaften des globalen Südens Basis des Wohllebens und des Wohlstands der starken Volkswirtschaften vor allem der nördlichen Hemisphäre ist.

Alle Zeichen stehen also auf Sturm: die Klimakatastrophe ist dabei der konkrete Ausdruck des kapitalistischen Zerstörungswerkes. Und je mehr im Prozess der kapitalistischen Landnahme die Lebensverhältnisse im Globalen Süden zerstört werden, desto härter die Auseinandersetzungen um die dann dort noch verfügbaren natürlichen Ressourcen (Wasser, bebaubarer Boden, Fischfang).
Mit anderen Worten: neben der planetaren Zerstörung werden Kriege, resultierend aus den regional unterschiedlichen Folgen der sich verschärfenden Klimakatastrophe, die nähere und weitere Zukunft bestimmen.

Dabei wird augenfällig, dass die Umweltbewegung es bis heute nicht geschafft hat, eine Vision einer gerechten und nicht zerstörerischen Gesellschaft zu entwickeln, die in der Lage ist, den Planeten für das menschliche Leben zu bewahren.
Stattdessen verfügen wir nur über technokratische Erzählungen, die behaupten, mittels neuer Technologien würden sich die planetaren Lebensverhältnisse stabilisieren lassen. Wobei dabei sehr viel Science-Fiction im Spiel ist, denn viele der Technologien sind nicht mehr als Phantasien, Ideen, grobe Vorstellungen.

Diese Erzählung zerschellt, bei genauer Betrachtung, an der Realität. Dazu nur ein paar Hinweise:
der dringend notwendige Übergang zur nicht-fossilen Energieversorgung wird im globalen Maßstab in den kommenden Jahrzehnten wohl nicht zu erreichen sein, denn der weltweite Energiebedarf wächst aktuell schneller als die regenerative Energieerzeugung ausgebaut werden kann.
Wir kennen die Erzählung von der KI, die uns in eine ökologischere Zukunft führen wird. Jetzt wird deutlich, dass deren Energiebedarf aber derart exorbitant hoch ist, dass die fossile Energiegewinnung wieder zu neuen Ehren kommt. Gleiches gilt für den Wasserbedarf zur Kühlung der Server, der auf Kosten alternativer Nutzungen (Mensch oder Landwirtschaft) erfolgt und dem Flächenbedarf für die Rechenzentren, der oft genug zu Lasten bisher agrarisch genutzter Flächen geht.
Wir reden in Deutschland über den Übergang vom Benziner zum E-Auto, ohne zu bedenken, dass die automobile Massenmobilität, gleichgültig wie der Antrieb beschaffen ist, eine weitere Zerstörung der Biosphäre bedeutet. Das beinhaltet bspw. den Rohstoffbedarf für die Autos und LKWs sowie den Bau und die Unterhaltung der Infrastrukturen. Brücken und Straßen bestehen aus Beton, Stahl und Asphalt, alles Baustoffe, deren Erzeugung auf der Verwendung von Erdöl oder Kohle beruhen. Hinzu zu addieren sind, sowohl bei der Rohstoffextraktion als auch beim Bau der Infrastrukturen, die zum Einsatz kommenden Schwermaschinen, die ebenso produziert werden müssen und die im täglichen Einsatz anschließend unendliche Mengen an Diesel verbrennen. Über den laufenden Energiebedarf der automobilen Massenmobilität ist damit noch kein einziges Wort verloren, auch hierfür muss Energie produziert werden.
Und gerne wird übersehen, dass unsere nationale „Erfolgsgeschichte“ der CO2-Reduktion seit 1990 darauf beruht, dass wir CO2-intensive Produktionen in den Globalen Süden ausgelagert haben. Das bei der Produktion entstehende CO2 wird dabei den Ländern zugeordnet, in denen die Produktion angesiedelt ist und nicht den Ländern, die die Produkte erwerben und verbrauchen. Die deutsche Bilanz sähe in diesem Fall deutlich schlechter aus.
Wir reden inzwischen auch vom notwendigen klimagerechten Umbau unserer Städte, von Schwammstädten, von der Neuverteilung des städtischen Raums zugunsten von Grünflächen, Entsiegelung von Flächen und was der Ideen mehr sind. Am Ende reduzieren sich diese Projekte oft genug auf den zögerlichen Einbau von Klimaanlagen.

Es wird eine Erfolgsgeschichte behauptet, die keine ist und die auch niemals zu einer Erfolgsgeschichte werden kann. Es handelt sich um eine, wesentliche Aspekte der Realität ausblendende Erzählung, also um eine verkürzte und in Teilen grob verfälschende Darstellung. Der Klima- und Umweltbewegung ist es aber bisher nicht gelungen, dieser Erzählung etwas entgegen zu setzten. Schlimmer noch, sie hat es noch nicht einmal versucht.
Damit kommen wir nicht weiter, denn diese gesellschaftlich breit akzeptierte Erzählung, weist uns bestenfalls den Weg in den Abgrund.

Die Klima- und Umweltbewegung benötigt dringend eine andere Erzählung, eine Erzählung, die sich den negativen Entwicklungen stellt, diese klar benennt und auf dieser Basis eine in sich offene Zukunftserzählung entwickelt, die den Menschen eine Vision liefert, wie es anders und trotzdem gut gehen kann.
Offen muss die Erzählung dahingehend sein, dass sie, wie im Frühsozialismus, Raum lässt für abweichende Fantasien. Es kann keine lineare Erzählung sein, die einen eindeutigen Weg behauptet, denn, egal wie man es betrachtet, die Zukunft ist offen. Im Guten wie im Bösen.

Das Problem dabei ist jedoch, dass die herrschende kapitalistische Erzählung allen Menschen ein kommendes, besseres Leben verspricht, das durch mehr Konsum, mehr Materialität definiert ist. Und wir wissen, dass die Perspektive des "Mehr" für viele Menschen in vielen Regionen der Welt eine zu Recht positive Perspektive ist. Wer am Verhungern ist, braucht mehr Nahrungsmittel und eine gesamthaft positive Lebensperspektive, also ein „Mehr“ von allem. Und man muss nicht am Verhungern sein, man kann in beschränkten, aber sicheren Verhältnissen leben, und trotzdem ein „Mehr“ erwarten, wenn der Kapitalismus diese Zukunftsvision aufzeigt und Teile der Gesellschaft dieses „Mehr“ ostentativ ausleben.

Eine Erzählung, die im Kern ein "Weniger" postuliert, hat es dann schwer. Das gilt selbst in unserer Gesellschaft, da sich auch hier der Reichtum auf immer weniger Menschen konzentriert. Trotzdem muss das "Weniger" Kern der neuen Erzählung sein, soweit es unsere eigene und die anderen im globalen Maßstab reichen Gesellschaften betrifft. Denn hier greift logischerweise das Gerechtigkeitspostulat: wollen wir einen für die Menschheit lebensfähigen Planeten bewahren, so müssen die Lebensverhältnisse weltweit auf einem vergleichbaren Niveau liegen.
Weniger für die reichsten 20 bis 25% der Erdbevölkerung, mehr für die untere Hälfte und ein vermutlich stabiles Niveau für den Bereich dazwischen. Denn allein ein "Weiter so" wird, da ist die Klimawissenschaft eindeutig, beschleunigt zu katastrophalen Zuständen führen.

Es gibt viele Ansätze, die den Konzepten von "Degrowth" oder „Ökosozialismus“ verpflichtet sind, und meist postulieren diese Ansätze, dass der Kapitalismus abgelöst werden muss, die Produktion zurückzufahren ist und die Dinge, die noch produziert werden, global gerecht zu verteilen sind. Doch keiner dieser Ansätze spielt derzeit in der Klima- und Umweltbewegung eine Rolle. Man beschäftigt sich lieber mit dem Ausbau von Windkraft und Solarenergie, dem Umbau der Netzinfrastruktur, mit der Anzahl der neuzugelassenen E-Autos und erklärt das jeweilige "Mehr" zu einem Erfolg.
Dabei folgt auch dieses "Mehr" der kapitalistischen Logik des unbegrenzten Wachstums. Um an dieser Stelle nur auf einen zentralen Schwachpunkt hinzuweisen: glücklicherweise wird in Deutschland immer mehr regenerative Energie produziert, jedoch kommt es zu keinem relevanten Rückgang der Menge fossil produzierter Energie, denn der Gesamtenergiebedarf in Deutschland steigt weiterhin deutlich an. Im weltweiten Maßstab bedeutet das, dass auch im kommenden Jahrzehnt wohl jedes Jahr mehr fossile Energieträger zur Erzeugung von Strom verbrannt werden als im jeweiligen Vorjahr.
Alleine diese eindeutigen Zahlen sollten die Umwelt- und Klimabewegung dazu veranlassen ihre, bisherige Grundpositionen aufzugeben. Es gibt keine Lösung der Klima- und Umweltkatastrophe ohne eine substantielle Reduzierung der weltweiten Güterproduktion verbunden mit einem Rückgang der weltweit verbrauchten Energiemengen. Und diese Erkenntnis muss aktiv in die Gesellschaft transportiert werden.
Andernfalls bleibt die Klima- und Umweltbewegung extrem angreifbar. Schon heute existiert die Assoziationskette, dass Umwelt- und Klimaschutz zwingend Einschränkungen bedeutet. Man kann diese Kritik entweder schweigend übergehen oder von einem zu erwartenden "grünen" Wachstum erzählen, ein „grünes“ Wachstum, mit dem die bisherige kapitalistische Produktionsweise erhalten wird, aber halt irgendwie ökologisch und irgendwie nachhaltig funktionieren soll.
Derartige Argumentationsmuster werden jedoch wenig ändern, denn egal wie eingeschränkt und unzureichend Umweltschutz betrieben wird, immer bedeutet er eine Beschränkung wirtschaftlicher Tätigkeiten. Sei es, dass eine Autobahn nicht gebaut wird, sei es, dass ein Gewerbegebiet nicht entwickelt werden kann, sei es, dass der Braunkohletagebau eingestellt wird oder sei es, dass Bauern daran gehindert werden, in Naturschutzgebieten Pestizide einsetzen zu dürfen.
Also ist es nur richtig und konsequent, denn Aspekt des "Weniger" aktiv in den Vordergrund zu stellen und ihn zum Markenkern der Bewegung zu machen. Was vernünftigerweise nicht zu leugnen ist, sollte aktiv „vermarktet“ werden.
Nun muss aber auch das "Weniger" in unserer Gesellschaft gerecht verteilt werden und das funktioniert im Kapitalismus nicht. Der nämlich beinhaltet ein über den Aspekt der Vermögensverteilung und die Verfügungsgewalt über Produktionsmittel vermitteltes Macht- und Herrschaftsverhältnis. Diese ungleiche Machtverteilung, die auch über Lebenschancen entscheidet, lässt sich nur durchbrechen, wenn der Kapitalismus als ein die Gesellschaft strukturierendes System abgeschafft wird. Der Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, ist gescheitert. Die Geschichte der Umweltbewegung der letzten Jahrzehnte zeigt dieses Scheitern deutlich auf und müsste dringend aufgearbeitet werden.

Die neue Erzählung muss der Gesellschaft als Ganzes die Verantwortung aber auch das Recht zusprechen, darüber zu befinden, wie unser Zusammenleben beschaffen sein soll, wie und mit welchen Instrumenten/Maschinen gearbeitet wird, welcher Fortschritt gesellschaftlich erwünscht ist, was in welcher Menge zu welchen Bedingungen produziert wird und welche Umweltschäden hierbei maximal akzeptabel sind.
Denn über all diese existentiellen Sachverhalte entscheidet die Gesellschaft nicht, auch nicht in einer Demokratie. Diese sind uns durch unser kapitalistisches Wirtschaftssystem vorgegeben. Wir werden in diese Verhältnisse hineingeboren, wir kennen es nicht anders und erleben die Verhältnisse als "naturgegeben".
Das sind sie aber nicht, sie sind von Menschen gemacht.
Oder um mit Karl Marx zu sprechen:
"Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen."

Mit anderen Worten, die Klima- und Umweltbewegung muss eine demokratische und ökosozialistische Zukunftsvision entwickeln, die über den Kapitalismus hinausweist.

Um hier letztmalig Karl Marx zu zitieren: "Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter."

Andernfalls gewinnen die rechtsextremen und rassistischen Kräfte, die einem nationalstaatlichen, ausgrenzenden Kapitalismus das Wort reden, die einen im Kern imperialistischen Kapitalismus befürworten, der auf der fortdauernden Ausbeutung der Menschen und Umwelt des Globalen Südens beruht. Dieser Kapitalismus mag andernorts tödliche Wirkungen entfalten, auf dem eigenen national definierten Territorium soll er jedoch die Lebensfähigkeit der eigenen Nation gewährleisten. Die sogenannten nationalen Interessen werden allen anderen Interessen übergeordnet. Weiße Männer sortieren die Welt, und „bauen“ eine „Volksgemeinschaft“, von der sie behaupten, dass diejenigen, die dazugehören, beschützen werden. Zum Preis einer umfangreichen Ausgrenzung all derjenigen, die nicht Teil der „Volksgemeinschaft“ sein dürfen, da sie als anders definiert werden und demgemäß nicht dazugehören.

Mit allen bekannten Folgen.




Freitag, 14. August 2026
Thema: Umwelt
Erstmals liefert das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Sommer 2025 eine systematische Analyse der Oberflächentemperatur-Verteilung für alle Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern in Deutschland.

Die Satellitenaufnahme von Köln umfasst auch noch Frechen.

Wir können stolz sein, denn die Versiegelung des Stadtraums sorgt dafür, dass das Stadtgebiet im allerschönsten Rot strahlt.



Dazu nur ein Querverweis auf einen Beitrag aus dem Jahr 2022 - denn da war es auch schon heiß:

19. Juli 2022, 37 Grad Celsius, ein Parkhaus und ein eklatanter Mangel an Phantasie




Freitag, 7. August 2026
Thema: Umwelt
Ich eröffne mit einem kleinen Zitat, das mir gerade untergekommen ist:
"Der seit langem angekündigte Augenblick ist angebrochen, da die Entwicklung des Kapitalismus durch unüberwindliche Grenzen aufgehalten wird. Wie man das Phänomen der Akkumulation auch interpretieren mag, so ist es doch unbestritten, dass Kapitalismus im wesentlichen ökonomische Expansion bedeutet und dass die kapitalistische Expansion bald den Punkt erreicht, an dem sie auf die Grenzen der Erdoberfläche stoßen wird." (Simone Weil, 1933)


Das 1,5-Grad Ziel ist im Rahmen der Gesellschaftsordnung, in der wir leben, nicht mehr erreichbar. Auch die Aussage: „Wir sind auf dem Pfad zu 2,7 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts“ ist eine, auf bestimmten Prämissen beruhende Aussage, also mit hoher Unsicherheit belastet (wissenschaftliche Berechnung erstellt zur COP29 (Baku 2024)). Es finden sich auch Aussagen, die das Reißen des 1,5-Grad Ziels als ein zeitweiliges Überschreiten dieses Grenzwertes für eher unproblematisch halten, denn irgendwann werde es Technologien geben, die das überschüssige CO2 wieder der Atmosphäre entziehen würden. Man nennt das Technologieoffenheit, denn die dafür benötigte Technologie steckt bestenfalls noch in den Kinderschuhen, Kosten und Energieverbrauch sind maximal hoch, eine breite Anwendung daher noch in weitester Ferne. Technologiepropheten verschweigen denn auch gerne die mit dem Überschreiten von bestimmten Grenzwerten einhergehenden Risiken. Der Wissenschaftler Johan Rockström hat diese Risiken 2009 in Form von 9 planetaren Belastungsgrenzen beschrieben, deren Überschreitung zu irreversiblen Umweltveränderungen führen wird.
Die neun planetaren Grenzen sind: Klimawandel; Überladung mit neuartigen Substanzen (bspw. Ewigkeitschemikalien) ; Abbau der Ozonschicht in der Stratosphäre; Aerosolbelastung der Atmosphäre; Versauerung der Ozeane; Störung der biogeochemischen Kreisläufe (Stickstoff- und Phosphorkreisläufe); Veränderung in Süßwassersystemen; Veränderung der Landnutzung und Veränderung in der Integrität der Biosphäre.
Bei sieben (fett markiert) der neun planetaren Grenzen sind die Grenzen bereits überschritten.
Doch Aussagen vom zeitweiligen Überschreiten eines von Politiker*innen definierten Grenzwertes oder auch der Verweis auf das Erreichen eines Temperaturwerts in weiter Zukunft, laden dazu ein, die dahinter liegenden Probleme zu verdrängen. Ein zeitweiliges Überschreiten klingt beherrschbar, eine Zahl die auf das Ende des Jahrhunderts referenziert besagt ja, dass noch viel Wasser den Rhein hinabfließen wird - soweit man bei dem immer häufiger werdenden Niedrigwasser noch von „fließen“ reden kann - und zudem werden viele von uns das kommende Jahrhundert eh nicht erleben.
Ein weiteres Beispiel für den verharmlosenden Umgang mit diesem Problem zeigt sich darin, dass wir immer noch den Begriff „Klimawandel“ verwenden, obwohl dieser eine Beherrschbarkeit des Phänomens impliziert, die nicht gegeben ist. Wir verniedlichen die Tatsache, dass wir uns auf eine wirkliche Klimakrise, vielleicht sogar auf einen Klimakollaps zubewegen. Wir spielen weiterhin, „der Opa ist nicht tot, er ist jetzt im Himmel“.
Aber immerhin, wir können festhalten, dass wir uns auf den Weg in eine viel heißere und damit uns unbekannte Welt gemacht haben, bestenfalls ahnend, wo dieser Weg endet.

Also, was ist nun unser Problem?

An einem Punkt, der gerne übersehen wird, lässt sich dies exemplarisch aufzeigen: Landmassen erwärmen sich deutlich schneller als es der weltweite Anstieg der Durchschnittstemperatur suggeriert. Der französische Staat bspw. erklärt daher seit mehreren Jahren offiziell, dass Frankreich sich bis zum Ende des Jahrhunderts darauf einstellen müsse, dass die Durchschnittstemperaturen um bis zu 4 Grad höher liegen werden. Wir dürfen also annehmen, dass ein entsprechend wissenschaftlich unterfütterter Durchschnittswert in Deutschland kaum anders aussehen wird. In diesem Zusammenhang wird leicht übersehen, dass es sich bei der Erwärmung um einen Prozess handelt, der für uns zuallererst in Form von Extremwetterlagen spürbar wird. Überschwemmungen und Extremregenereignisse einerseits, Hitzewellen und lange anhaltende Trockenheit andererseits. Wir reden also über Flutereignisse wie vor 5 Jahren an Ahr und Erft, wir reden über sogenannte Jahrhundertsommer, die inzwischen alle paar Jahre über uns kommen, über langanhaltende Trockenheit, sinkende Grundwasserspiegel oder zur Abwechslung mal über Hagelkörner von der Größe von Tennisbällen.

Schauen wir also etwas genauer auf die aktuelle Lage:

Die Klimakrise ist kein externes Ereignis, das über uns kommt wie ein abstürzender Meteorit. Hinter der Klimakrise verbergen sich kapitalistische Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die zum jetzigen Zeitpunkt zu unterschiedlichen Betroffenheiten bei den durch die wärmere Atmosphäre ausgelösten Extremwetterereignissen führen. Wir haben diejenigen, die in den und durch die kapitalistischen Verhältnisse mächtig und reich geworden sind. Diese leben vorzugsweise auf der Nordhalbkugel des Planeten. Sie können sich dank ihres Reichtums den Folgen der heißer werdenden Welt, und damit den Folgen ihres eigenen Handelns, am längsten entziehen. Das erlaubt es ihnen, im Rahmen der kapitalistischen Weltwirtschaft weiterhin von ihren ökonomischen Tätigkeiten (aktiv: als Unternehmenseigner oder leitende Manager; passiv: als Besitzer*innen von Unternehmensbeteiligungen u.a.) zu profitieren und damit die finanzielle Grundlage für ihren massiv CO2-produzierenden Lebenswandel zu generieren. Die Kosten tragen hingegen diejenigen, geographisch betrachtet in der Mehrzahl die Bewohner*innen des globalen Südens, deren Anteil an der CO2-Konzentration in der Atmosphäre gegen Null tendiert.
Was aber im weltweiten Maßstab gilt, gilt auch auf nationaler Ebene. Der CO2-Verbrauch des unteren Drittels der deutschen Gesellschaft stagniert bzw. ist rückläufig. So gilt: die Einkünfte aus Kapitalerträgen sind in den letzten dreißig Jahren deutlich gestiegen, Löhne und Gehälter dagegen nur unwesentlich, wobei innerhalb der Lohn- und Gehaltsbezieher*innen die oberen Gehaltsgruppen noch spürbare Zugewinne realisieren konnten, die unteren Gehaltsgruppen dagegen stagnieren bzw. unter Einrechnung der Inflation Reallohnverluste erlitten haben. Die stagnierenden Reallöhne fielen viele Jahre nicht ins Gewicht, da es im Rahmen der Globalisierung der Weltwirtschaft zu einer spürbaren Verbilligung vieler Konsumgüter gekommen ist. In Asien konnte einfach billiger produziert werden. Für das untere Drittel der deutschen Gesellschaft änderte dies aber nichts daran, dass bei rückläufigem bzw. stagnierendem Realeinkommen die verfügbaren Mittel für einen CO2-produzierenden Konsum deutlich eingeschränkt sind. So kann sich rund ein Viertel der Bevölkerung keinen Urlaub leisten. Zwischen 8 und 14 % der deutschen Bevölkerung sind bspw. noch nie geflogen. Weltweit gilt dies sogar für 80 bis 90% der Bevölkerung. Der CO2-Eintrag der oberen Hälfte der deutschen Bevölkerung dagegen steigt weiterhin an. Der spürbare Rückgang des Eintrags von CO2 auf dem Gebiet der BRD insgesamt hängt an der Abschaltung von Kohlekraftwerken und der Verlagerung CO2-produzierender Industrien im Rahmen der Globalisierung. Das ändert jedoch nichts an der innergesellschaftlichen Ungleichverteilung, was sich auch daran zeigt, dass die Belastungen, resultierend aus den sich ändernden klimatischen Bedingungen den unteren Teil der Bevölkerung meist stärker treffen.

Aber wir sind ja nicht allein auf der Welt!

Jedoch sind wir hier in Europa so etwas wie eine Blaupause für die Welt. Der Kapitalismus wurde möglicherweise nicht in Europa erfunden, Europa war trotzdem seine Kinderstube, hier erlebte er seine Pubertät und wurde erwachsen. Dabei durchlebte er in den vergangenen beiden Jahrhunderten regelmäßig ökonomische Krisen, hat sich aber als extrem anpassungsfähig erwiesen.
Rezessionen, Kriege, inflationäre Krisen, Erdölschock, nichts scheint dem Kapitalismus in seinem Lauf etwas anhaben zu können. Über alle diese Krisen hinweg entwickelte sich im Laufe der letzten 100 Jahren aus der auf der Nutzung fossiler Energien fußenden Industrialisierung und dem Fordismus im Zusammenwirken mit einer starken Arbeiterbewegung eine auf Massenkonsum beruhende und uns heute in Mark und Blut übergegangene Form des Kapitalismus, die in den reichen Industriestaaten eine breite konsumorientierte Mittelschicht hat entstehen lassen, die in jeglicher Hinsicht stabilisierend auf und in den kapitalistischen Verhältnissen wirkt.
Die Folgen dieser Entwicklung sind vielgestaltig, lassen sich aber auch eng zusammenfassen: der auf Massenkonsum basierende Kapitalismus ist zum weltweiten Leitbild aufgestiegen.

Die Konsequenzen werden gerne ausgeblendet.

Im Rahmen des Massenkonsums hat sich der weltweite Rohstoffverbrauch ebenso vervielfacht wie die daraus resultierenden Abfallmengen. Der weltweite Energieverbrauch steigt mindestens im gleichen Umfang weiterhin jährlich an. Der Zubau regenerativer Energien im globalisierten Maßstab fängt aktuell möglicherweise den jährlichen Mehrbedarf auf, wird aber in näherer Zukunft die Nutzung fossiler Rohstoffe zur Energiegewinnung nicht ablösen. (Der Peak, ab wann die Nutzung fossiler Energien zurückgeht, verschiebt sich von Jahr zu Jahr nach hinten.)
Der technologische Wandel, aktuell die Digitalisierung (KI), wird uns gerne als Mittel zur Lösung dieser Krisen präsentiert. Es wird aber immer deutlicher erkennbar, dass diese Form der Digitalisierung zu einer weiteren Verschärfung der Krisensymptome führen wird. Der massive Ausbau der Serverinfrastruktur und deren Betrieb lässt den Energiebedarf sprunghaft steigen, ebenso den Wasserverbrauch zur Kühlung. Aspekte der Rohstoffgewinnung für die Chipproduktion, die ebenfalls sehr viel Energie verschlingt, werden meist gar nicht betrachtet. Genauso wenig interessiert der Elektroschrott am Ende des recht kurzen Lebenszyklus unserer digitalen Infrastruktur.

Und was hat das nun mit dem Kapitalismus zu tun?

Dem Kapitalismus innewohnend sind zwei Aspekte, einerseits der Zwang zum Wachstum und andererseits die Warenform, die erklären können, warum im Kapitalismus eine Lösung der Klimakrise undenkbar erscheint.
Ohne tiefer in eine Wachstumsdiskussion eintreten zu wollen, sollten hier nur die gesamtgesellschaftlichen Effekte des Wachstums aufgegriffen werden. Durch das starke Wirtschaftswachstum nach dem Zweiten Weltkrieg war es den westeuropäischen Gesellschaften möglich, die dadurch generierten Einkommenszuwächse / die Produktivitätsgewinne zu nutzen, um die Sozialsysteme auszubauen sowie auf Basis einer gewerkschaftlich noch gut organisierten Arbeiterschaft die Verteilung der Einkommen zu Gunsten der unteren Einkommensklassen zu verändern und damit eine Gesellschaft zu formen, die sich im Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ ausnehmend gut beschrieben fühlte. Die Klassenkonflikte der Vorkriegszeit wurden mittels Integration weiter Teile der Bevölkerung in die Konsumgesellschaft befriedet. Eine Welt ohne Wachstum ist weder systemisch noch gesamtgesellschaftlich vorstellbar, da unsere gesamte gesellschaftliche Organisation im Kern ein dauerhaftes Wachstum benötigt wie der Süchtige seine tägliche Dosis. Doch es gibt kein „unschuldiges“ Wachstum. Jedes ökonomische Wachstum ist immer mit einem Anstieg des Verbrauchs von Rohstoffen, also mit Naturverbrauch verbunden. Gerne wird die Illusion verbreitet, das Wirtschaftswachstum lasse sich von einem gleichzeitig steigendem Rohstoffverbrauch trennen. Statistisch lässt sich dies aber nirgends nachweisen. Bestenfalls steigt der Rohstoffbedarf etwas langsamer als es das Wirtschaftswachstum erwarten lässt. Das ist aber auch schon alles. Noch ist bspw. in den allermeisten Fällen die Extraktion von Rohstoffen um ein Vielfaches preiswerter als das Recycling. Eine Trendwende ist noch nicht einmal am Horizont erkennbar.
Die Warenform beschreibt eine andere Grundproblematik, denn im Kapitalismus sind nur die Elemente relevant, die als Ware erscheinen und damit Teil des kapitalistischen Austauschprozesses werden. Ein Wald ist ein Nichts solange er dem Verwertungsprozess entzogen ist. Erst wenn er zur Ware wird, hat er einen Wert. Sei es in Form eines touristischen Hotspots, sei es in Form der Holzgewinnung, sei es heute neumodisch als Teil unseres großen Ablasshandels, des Emissionshandels, zur Nutzung als CO2-Senke. Dies gilt für jeglichen Teil der uns umgebenden Natur. Was nicht zur Ware gemacht werden kann, hat keinen Wert. Der Emissionshandel zeigt aber auch die konkreten Schwächen dieser Form der Schaffung einer Ware: die dort aufgerufenen Preise die zur Verschmutzung der Atmosphäre berechtigen, sind politische Preise, die je nach Marktlage und Lobbytätigkeit leicht angepasst oder einfach ganz abgeschafft werden können.

Und was macht das mit uns?

Im Rahmen dieser Macht- und Herrschaftsverhältnisse, handelt auch „unsere“ Politik. Lösungen, die die kapitalistischen Verhältnisse in Frage stellen könnten, sind außerhalb des Denkbaren, da in einer globalisierten kapitalistischen Wirtschaft eine grundsätzliche Umwälzung wohl nur weltweit geschehen kann. Eine globale Klasse, die „nichts zu verlieren hat, außer ihren Ketten“ und deswegen als handelndes Subjekt eine solche Umwälzung veranlassen könnte, ist nirgends erkennbar.
Vor diesem Hintergrund gilt, dass alle Lösungen der Klimakrise derart gestaltet sein müssen, dass sie unseren heutigen Wohlstand nicht gefährden. Die Grünen haben in den 80ern einerseits ihren Frieden mit den kapitalistischen Verhältnissen gemacht und andererseits mit dem Modell des „grünen Kapitalismus“ (Ralph Fücks) auch ein „Wirtschaftsprogramm“ entworfen, bei dem mittels neuer Technologien sowohl der Klimawandel als auch das Problem des rückläufigen Wachstums in den alten Industrienationen gelöst werden sollte. Im Kontext nationaler Wirtschaftspolitiken sollte daraus ein goldenes Zeitalter für den deutschen oder wahlweise den europäischen Wirtschaftsstandort werden. Die darin eingelagerten Ausbeutungsverhältnisse: billige Rohstoffe, die billig, also von schlecht bezahlten Arbeitskräften unter meist gesundheitsschädlichen Umständen und nicht selten mit Hilfe von Kinderarbeit, in anderen Weltregionen extrahiert werden müssen und die ebenda erfolgende billige Lagerung der meist toxischen Abfallstoffe, die bei der Extraktion entstehen, wurden meist ausgeblendet. Auch eine auf „Moral“ basierende Außenpolitik, die Teil des grünen Selbstverständnisses ist, zerbricht daran, denn der Zugang zu den wichtigsten Rohstoffen erweist sich für den Wirtschaftsstandort Deutschland / Europa als wichtiger, denn die Regierungsformen und die Einhaltung der Menschenrechte in diesen Ländern. Dies aufgezeigt an der Partei, die in unserem Parteiensystem für Natur- und Umweltschutz steht, lässt ahnen, wie sich Parteien positionieren, deren Kernanliegen auf anderen politischen Feldern liegen.
Verschärfend kommt dann noch hinzu, dass die gesellschaftliche Entwicklung hin zu persönlicher Freiheit und dem Er- und Ausleben unserer Individualität mit modernen Konsummustern verknüpft wurde, die sich am augenfälligsten beim Thema Mobilität zeigen. Für nicht wenige besteht bspw. der Planet aus exotischen Ecken, die man gesehen haben muss. Das rechtfertigt jede Form des Reisens, gleich welche Umweltkosten dadurch produziert werden.
Es ist Teil unseres liberalen Freiheitsverständnisses, das Ausleben unserer Individualität als unhintergehbaren Teil unseres Menschseins zu verstehen. Der moderne auf Massenkonsum basierende Kapitalismus befeuert diesen Aspekt unseres Lebens und hat daraus gewinnbringende Geschäftsmodelle entwickelt, die von (exklusiven) Reisezielen, über Mode, zu besonderen Automodellen bis hin zu einmaligen Accessoires (u.a.m.) reichen, mit denen wir der Welt unsere Individualität präsentieren. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien ist nun selbst „Individualität“ zu einem vermarktungsfähigen Produkt geworden. Damit steht diese Form der gelebten Individualität in einem nicht auflösbaren Gegensatz zu nur im Kollektiv und mit Hilfe von Beschränkungen und Einschränkungen auch individueller „Freiheitsrechte“ zu lösenden Klima- und Umweltschutzproblemen.

Aber es gibt doch eine Umweltbewegung!

Die Umwelt- und Klimabewegung bewegt sich in diesem Umfeld. Sie ist vielfältig und divers. Aber sie hat keine Antworten auf diese verschiedenen Dilemmata. Die „alte“ Umweltbewegung kämpfte noch für den Erhalt von Naturräumen in der näheren Umgebung, um saubere Luft („Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“ Willy Brandt 1961), gegen Atomkraft („Nai hämmer gsait!“, die Anti-AKW-Bewegung gegen das geplante AKW im südbadischen Kaiserstuhl 1972) u.a.m. Die damaligen regionalen Erfolge entpuppten sich aber im globalen Maßstab als Pyrrhussiege, denn die schmutzigen Industrien und Produktionen wurden in andere Länder verlagert. Sauberer wurde die Welt dadurch nicht. (Als letzter Clou gilt immer noch die Abwrackprämie 2009. Schmutzige Autos wurden in Deutschland aus dem Verkehr gezogen, um in Osteuropa oder Afrika einen zweiten Frühling zu erleben.)
Ab den 70er Jahren wuchs das Bewusstsein, dass es ein größeres Problem gibt, als mit Abgasfiltern oder dem Bleiverzicht im Benzin gelöst werden kann: die Anreicherung von CO2 in der Atmosphäre. Viele Konferenzen, viele Bekenntnisse und so zwei bis drei Jahrzehnte später war eindeutig klar, dass sich die Probleme zunehmend verschärften und unsere globalisierte Wirtschaft die Umweltzerstörungen beschleunigt. Mit der jugendlichen Klimabewegung Fridays for Future (FFF) schien sich ab 2018 ein neuer, diesmal internationaler Aufschwung der Klima- und Umweltbewegung abzuzeichnen. Der Elan ist gebrochen. Dies ist nicht nur der Corona-Krise oder den Kriegen der letzten Jahre geschuldet, es ist auch Folge der der Bewegung innewohnenden Logik.
So ist zu konstatieren, dass der an sich logische Gedanke, wissenschaftliche Erkenntnis als Argument notwendiger klimapolitischer Maßnahmen zu nutzen (FFF-Slogan: „Wir hören auf die Wissenschaft“), einerseits dazu geführt hat, die Wissenschaft ex negativo zu politisieren: der Wert wissenschaftlicher Erkenntnis wird von „interessierten“ Stellen selbst in Zweifel gezogen und diese Zweifel finden ihr Publikum. Andererseits verweist diese Herangehensweise aber auch darauf, dass Teile der Umweltbewegung das gesamte Thema gerne entpolitisiert hätten, in dem Sinne, dass eine Menschheitsaufgabe nicht im politischen Tageskampf gelöst werden kann und deshalb an die Wissenschaft delegiert werden soll. Ein in einer Demokratie unmögliches Unterfangen, da die (Klima-) Wissenschaft die Probleme beschreibt, die Lösungsoptionen aber vielfältig sein mögen und der Weg zur mehrheitsfähigen Lösung in einer Demokratie nur im politisch-gesellschaftlichen Raum gefunden werden kann.
Ebenso widersinnig erwies sich die Idee, „alle mitnehmen zu müssen.“ Einerseits wurde damit ein ökonomisch-gesellschaftliches Problem individualisiert, da „alle mitnehmen“ auf den individuellen Anteil an der Umweltzerstörung / am CO2-Ausstoß referenziert. Damit bewegt sie sich im Rahmen der (neo-)liberalen Logik, die das Problem der Produktion, also: wer produziert was zu welchen Kosten und mit welchen Umweltschäden, mit Hilfe bspw. des CO2-Fußabdrucks in ein Problem des Konsums verwandelt hat. Der CO2-Fußabdruck wurde von einer Werbeagentur im Auftrag von BP popularisiert, warum wohl? Verknüpft mit dem Bild von der Macht der „Konsument*innendemokratie“, also der Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft mittels unseres Kaufverhaltens, wurde von der Verantwortung der kapitalistischen Produktion erfolgreich abgelenkt.
Andererseits bedeutet „alle mitnehmen“, dass ein breiter gesellschaftlicher Konsens zur Grundlage substantieller Veränderungen erforderlich ist. Dieser sollte mittels Bildung und Öffentlichkeitsarbeit hergestellt werden. Demokratietheoretisch bedeutete das aber, dass man den Gegnern jeglicher Veränderung damit die Macht zusprach, entscheidende Maßnahmen zu verhindern. Denn auch die Gegner einer Maßnahme sind Teil des Kollektivs und wenn sie nicht mitgenommen werden können, so gibt es den erwünschten Konsens nicht. Inzwischen wird dieser Anspruch gegen klimapolitische Reformen gewendet, in dem bspw. der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte, dass "jede einzelne gesetzliche Regelung in einer Volksabstimmung eine Mehrheit" finden müsse. Damit wird der demokratietheoretische Anspruch des „alle Mitnehmens“ ad absurdum geführt, denn spätestens seit dem Schiffbruch der Grünen mit ihrem Heizungsgesetz, ist erkennbar, dass Mehrheiten gegen klima- und umweltpolitische Maßnahmen deutlich einfacher zu organisieren sind als Mehrheiten dafür.
Ebenso ist festzuhalten, dass alle soziologischen Untersuchungen bisher belegen, dass Umwelt- und Klimapolitik von meist gut (=akademisch) gebildeten und finanziell in sicheren Verhältnissen lebenden Menschen getragen wird. Die bürgerliche Mittelschicht dominiert die Umweltbewegung und eine Erweiterung in unterbürgerliche Schichten ist in größerem Umfang bisher nicht gelungen. Die Folgen sind gravierend, da Umwelt- und Klimapolitik einerseits als Elitenprojekt diffamiert werden kann und andererseits viele Maßnahmen auch eine soziale Schieflage haben. So sind und waren viele Förderprogramme, die sich an Privathaushalte wenden, ausgerichtet auf das grundbesitzende Bürgertum mit dem finanziellen Spielraum, zum Erhalt der Förderung eigenes Geld in die Hand zu nehmen.

Dann müssen wir uns halt anpassen.

Mit jedem weiteren Extremwetter ist zu beobachten, dass sich der Fokus von massiven klimapolitischen Forderungen des Einsparens von CO2 zu den durch die Extremwetter notwendigen technischen Anpassungsmaßnahmen verschiebt. Zugespitzt: das Land soll „wetterfest“ gemacht werden. Das kann natürlich in den mittleren Breiten Europas auch noch für einige Jahrzehnte bei steigenden Kosten gelingen, wird aber dauerhaft durch die Zunahme von Extremwetterereignissen konterkariert werden. Dies zeigt sich ganz aktuell in Südeuropa, denn es gab dort schon immer schlimme Waldbrände, inzwischen aber haben diese dank extremer Trockenheit, extremer Hitze und sehr starken Winden einen Zustand erreicht, der sie unbeherrschbar macht.
Exemplarisch für den sich verschiebenden Fokus auf die Klimakrise ist die Karriere des Begriffs Resilienz. Der Begriff entstammt der Ökologie und beschreibt die Selbststabilisierungsfähigkeit eines Systems, nach dem es einen (externen) Schock erlitten hat. Der Begriff hat über die Systemtheorien Einzug in den ökonomischen Diskurs gefunden und wurde spätestens in der Coronakrise auf Unternehmensebene popularisiert. Unternehmen mussten gegenüber externen Schocks resilient (im Sinne von widerstandsfähig) werden. Als externe Schocks gelten dabei: Finanzkrisen / Inflation, Klimawandel / Folgen von Extremwetterereignissen und Kriege. Zwischenzeitlich hat der Begriff alle systemischen Grenzen überschritten. Nicht nur wir als Gesellschaft müssen resilient werden, nein, auch als Individuen müssen wir das. Belastungen und Stress wegstecken und immer noch leistungsfähig bleiben. Damit wird aber auch eine Diskursverschiebung deutlich, die parallel zu der Zunahme der Extremwetterereignisse stattfindet. Die Gesellschaft muss besser mit den Folgen des weiterhin steigenden CO2-Gehalts in der Atmosphäre zurechtkommen. Damit rücken die gesellschaftlichen und individuellen Anpassungsnotwendigkeiten im politischen Diskurs in den Vordergrund, die Forderung von konkreten Maßnahmen zur Reduktion des CO2-Eintrags dagegen in den Hintergrund.
Was dabei leider übersehen wird: es gibt Technologien, die es dieser Gesellschaft erlauben mögen, noch einige Jahre länger mit Extremwetterereignisse zurecht zu kommen. Wir können bspw. Deiche erhöhen, wir können Klimaanlagen kaufen, wir können Wasserrückhaltebecken einrichten. Das mag in den reichen Industriestaaten des Nordens klappen, im globalen Süden fehlen hierzu die finanziellen Ressourcen. Jedoch, die uns umgebende Natur ist den Wetterextremen ohne Schutz ausgeliefert. Die aktuelle Hitzeperiode zeigt uns die Effekte sehr deutlich, denn die Ernteerträge bei vielen Getreidearten, bei Obst und Gemüse sind (stark) rückläufig. Schon den heißen Sommern 2020 – 2022 fielen reihenweise Bäume zum Opfer. Meist eine Kombination aus Wassermangel, Hitzestress und damit einhergehend hoher Anfälligkeit für Parasiten. Wer aktuell offenen Auges einen Waldspaziergang macht, kann den Bäumen wieder beim Sterben zuschauen.
Die immer häufiger auftretenden Extremwetterereignisse, der steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre, die immer geringere Verfügbarkeit von Trinkwasser selbst hier im meist wasserreichen Westeuropa, zerstört unsere Lebensgrundlagen, denn jeder Mensch ist auf die ihn umgebende Natur angewiesen. Sie liefert uns die Dinge, die wir zum Leben und Überleben benötigen: saubere Luft zum Atmen, gesunde und giftfreie Lebensmittel, sauberes Wasser. Gehen diese Dinge zur Neige, steht das Überleben der Menschheit auf dem Spiel. Das Überleben der Menschheit wird dabei nie in eine kapitalistische Warenform überführt werden können. Daher ist das Überleben der Menschheit kein Aspekt, der in der weiteren Entwicklung des globalisierten Kapitalismus eine Rolle spielen wird.

"Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus" (Frederic Jameson)