Montag, 5. Oktober 2026
Thema: Umwelt
Es war einmal... Oder "Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ so formulierten Karl Marx und Friedrich Engels ihre Zukunftserwartungen 1848 im Kommunistischen Manifest.
Ja, damals gab es eine Hoffnung für die Unterdrückten der Welt, die nichts zu verlieren hatten, als ihre Ketten.

Der Sozialismus, der Kommunismus transportierten die Idee einer Gesellschaft der Gleichen, einer Gesellschaft ohne materielle Not, einer Gesellschaft, in der diejenigen, die die materiellen Werte produzierten, die die modernen und arbeitsteilig organisierten Gesellschaften benötigten, ihren gerechten Lohn erhalten würden und über die Entwicklung der Gesellschaft mitbestimmen dürfen.
Diese Vision einer gerechten (sozialistischen) Gesellschaft wurde spätestens 1989 auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen.

Stattdessen gibt es heute nur noch eine alternativlose Vision unserer planetaren Zukunft. Diese ist kapitalistisch und dem technologischen Fortschritt verpflichtet. Der allgemeine Rahmen ist eine Wettbewerbswirtschaft die sich als Marktwirtschaft präsentiert und die behauptet, dass ihr Wirken dafür sorge, dass es allen Menschen besser gehen könne, lasse man dieser Wirtschaft nur ihren freien Lauf. Um diese segensbringenden Wirkungen zu entfalten, ist die kapitalistische Wirtschaft auf dauerhaftes und im Grunde unendliches Wachstum angewiesen.

Nun wissen wir natürlich, dass ein unbegrenztes ökonomisches Wachstum im Rahmen der planetaren Grenzen unmöglich ist.
Wir sehen auch, dass diese Wirtschaft auf billige Rohstoffe angewiesen ist, wofür die Zerstörung der Biosphäre billigend in Kauf genommen wird.
Wir wissen ebenso, dass diese Wirtschaft unendliche Mengen an Abfall produziert, womit der Planet und damit Natur und Menschen vergiftet werden. Man denke nur an die giftigen Hinterlassenschaften bei der Extraktion von Rohstoffen oder die Abfälle der Petrochemie, die Vergiftung des Trinkwassers durch Pestizide oder die Ewigkeitschemikalien, die sich auch im menschlichen Körper anreichern.
Und es ist uns klar, dass es hierfür bisher und auf absehbare Zeit keine Lösung gibt, kein Recycling, keine dauerhafte Lagerung, nichts was uns von den giftigen Hinterlassenschaften des kapitalistischen Produzierens befreien wird.
Ebenso ist im Grunde bekannt, dass die globalisierte Wirtschaft auf ungleichen Austauschverhältnissen beruht, die Ausbeutung der schwachen Volkswirtschaften des globalen Südens Basis des Wohllebens und des Wohlstands der starken Volkswirtschaften vor allem der nördlichen Hemisphäre ist.

Alle Zeichen stehen also auf Sturm: die Klimakatastrophe ist dabei der konkrete Ausdruck des kapitalistischen Zerstörungswerkes. Und je mehr im Prozess der kapitalistischen Landnahme die Lebensverhältnisse im Globalen Süden zerstört werden, desto härter die Auseinandersetzungen um die dann dort noch verfügbaren natürlichen Ressourcen (Wasser, bebaubarer Boden, Fischfang).
Mit anderen Worten: neben der planetaren Zerstörung werden Kriege, resultierend aus den regional unterschiedlichen Folgen der sich verschärfenden Klimakatastrophe, die nähere und weitere Zukunft bestimmen.

Dabei wird augenfällig, dass die Umweltbewegung es bis heute nicht geschafft hat, eine Vision einer gerechten und nicht zerstörerischen Gesellschaft zu entwickeln, die in der Lage ist, den Planeten für das menschliche Leben zu bewahren.
Stattdessen verfügen wir nur über technokratische Erzählungen, die behaupten, mittels neuer Technologien würden sich die planetaren Lebensverhältnisse stabilisieren lassen. Wobei dabei sehr viel Science-Fiction im Spiel ist, denn viele der Technologien sind nicht mehr als Phantasien, Ideen, grobe Vorstellungen.

Diese Erzählung zerschellt, bei genauer Betrachtung, an der Realität. Dazu nur ein paar Hinweise:
der dringend notwendige Übergang zur nicht-fossilen Energieversorgung wird im globalen Maßstab in den kommenden Jahrzehnten wohl nicht zu erreichen sein, denn der weltweite Energiebedarf wächst aktuell schneller als die regenerative Energieerzeugung ausgebaut werden kann.
Wir kennen die Erzählung von der KI, die uns in eine ökologischere Zukunft führen wird. Jetzt wird deutlich, dass deren Energiebedarf aber derart exorbitant hoch ist, dass die fossile Energiegewinnung wieder zu neuen Ehren kommt.
Wir reden in Deutschland über den Übergang vom Benziner zum E-Auto, ohne zu bedenken, dass die automobile Massenmobilität, gleichgültig wie der Antrieb beschaffen ist, eine weitere Zerstörung der Biosphäre bedeutet. Das beinhaltet bspw. den Rohstoffbedarf für die Autos und LKWs sowie den Bau und die Unterhaltung der Infrastrukturen. Brücken und Straßen bestehen aus Beton, Stahl und Asphalt, alles Baustoffe, deren Erzeugung auf der Verwendung von Erdöl oder Kohle beruhen. Hinzu zu addieren sind, sowohl bei der Rohstoffextraktion als auch beim Bau der Infrastrukturen, die zum Einsatz kommenden Schwermaschinen, die ebenso produziert werden müssen und die im täglichen Einsatz anschließend unendliche Mengen an Diesel verbrennen. Über den laufenden Energiebedarf der automobilen Massenmobilität ist damit noch kein einziges Wort verloren, auch hierfür muss Energie produziert werden.
Und gerne wird übersehen, dass unsere nationale „Erfolgsgeschichte“ der CO2-Reduktion seit 1990 darauf beruht, dass wir CO2-intensive Produktionen in den Globalen Süden ausgelagert haben. Das bei der Produktion entstehende CO2 wird dabei den Ländern zugeordnet, in denen die Produktion angesiedelt ist und nicht den Ländern, die die Produkte erwerben und verbrauchen. Die deutsche Bilanz sähe in diesem Fall deutlich schlechter aus.
Wir reden inzwischen auch vom notwendigen klimagerechten Umbau unserer Städte, von Schwammstädten, von der Neuverteilung des städtischen Raums zugunsten von Grünflächen, Entsiegelung von Flächen und was der Ideen mehr sind. Am Ende reduzieren sich diese Projekte oft genug auf den zögerlichen Einbau von Klimaanlagen.

Es wird eine Erfolgsgeschichte behauptet, die keine ist und die auch niemals zu einer Erfolgsgeschichte werden kann. Es handelt sich um eine, wesentliche Aspekte der Realität ausblendende Erzählung, also um eine verkürzte und in Teilen grob verfälschende Darstellung. Der Klima- und Umweltbewegung ist es aber bisher nicht gelungen, dieser Erzählung etwas entgegen zu setzten. Schlimmer noch, sie hat es noch nicht einmal versucht.
Damit kommen wir nicht weiter, denn diese gesellschaftlich breit akzeptierte Erzählung, weist uns bestenfalls den Weg in den Abgrund.

Die Klima- und Umweltbewegung benötigt dringend eine andere Erzählung, eine Erzählung, die sich den negativen Entwicklungen stellt, diese klar benennt und auf dieser Basis eine in sich offene Zukunftserzählung entwickelt, die den Menschen eine Vision liefert, wie es anders und trotzdem gut gehen kann.
Offen muss die Erzählung dahingehend sein, dass sie, wie im Frühsozialismus, Raum lässt für abweichende Fantasien. Es kann keine lineare Erzählung sein, die einen eindeutigen Weg behauptet, denn, egal wie man es betrachtet, die Zukunft ist offen. Im Guten wie im Bösen.

Das Problem dabei ist jedoch, dass die herrschende kapitalistische Erzählung allen Menschen ein kommendes, besseres Leben verspricht, das durch mehr Konsum, mehr Materialität definiert ist. Und wir wissen, dass die Perspektive des "Mehr" für viele Menschen in vielen Regionen der Welt eine zu Recht positive Perspektive ist. Wer am Verhungern ist, braucht mehr Nahrungsmittel und eine gesamthaft positive Lebensperspektive, also ein „Mehr“ von allem. Und man muss nicht am Verhungern sein, man kann in beschränkten, aber sicheren Verhältnissen leben, und trotzdem ein „Mehr“ erwarten, wenn der Kapitalismus diese Zukunftsvision aufzeigt und Teile der Gesellschaft dieses „Mehr“ ostentativ ausleben.

Eine Erzählung, die im Kern ein "Weniger" postuliert, hat es dann schwer. Das gilt selbst in unserer Gesellschaft, da sich auch hier der Reichtum auf immer weniger Menschen konzentriert. Trotzdem muss das "Weniger" Kern der neuen Erzählung sein, soweit es unsere eigene und die anderen im globalen Maßstab reichen Gesellschaften betrifft. Denn hier greift logischerweise das Gerechtigkeitspostulat: wollen wir einen für die Menschheit lebensfähigen Planeten bewahren, so müssen die Lebensverhältnisse weltweit auf einem vergleichbaren Niveau liegen.
Weniger für die reichsten 20 bis 25% der Erdbevölkerung, mehr für die untere Hälfte und ein vermutlich stabiles Niveau für den Bereich dazwischen. Denn allein ein "Weiter so" wird, da ist die Klimawissenschaft eindeutig, beschleunigt zu katastrophalen Zuständen führen.

Es gibt viele Ansätze, die den Konzepten von "Degrowth" oder „Ökosozialismus“ verpflichtet sind, und meist postulieren diese Ansätze, dass der Kapitalismus abgelöst werden muss, die Produktion zurückzufahren ist und die Dinge, die noch produziert werden, global gerecht zu verteilen sind. Doch keiner dieser Ansätze spielt derzeit in der Klima- und Umweltbewegung eine Rolle. Man beschäftigt sich lieber mit dem Ausbau von Windkraft und Solarenergie, dem Umbau der Netzinfrastruktur, mit der Anzahl der neuzugelassenen E-Autos und erklärt das jeweilige "Mehr" zu einem Erfolg.
Dabei folgt auch dieses "Mehr" der kapitalistischen Logik des unbegrenzten Wachstums. Um an dieser Stelle nur auf einen zentralen Schwachpunkt hinzuweisen: glücklicherweise wird in Deutschland immer mehr regenerative Energie produziert, jedoch kommt es zu keinem relevanten Rückgang der Menge fossil produzierter Energie, denn der Gesamtenergiebedarf in Deutschland steigt weiterhin deutlich an. Im weltweiten Maßstab bedeutet das, dass auch im kommenden Jahrzehnt wohl jedes Jahr mehr fossile Energieträger zur Erzeugung von Strom verbrannt werden als im jeweiligen Vorjahr.
Alleine diese eindeutigen Zahlen sollten die Umwelt- und Klimabewegung dazu veranlassen ihre, bisherige Grundpositionen aufzugeben. Es gibt keine Lösung der Klima- und Umweltkatastrophe ohne eine substantielle Reduzierung der weltweiten Güterproduktion verbunden mit einem Rückgang der weltweit verbrauchten Energiemengen. Und diese Erkenntnis muss aktiv in die Gesellschaft transportiert werden.
Andernfalls bleibt die Klima- und Umweltbewegung extrem angreifbar. Schon heute existiert die Assoziationskette, dass Umwelt- und Klimaschutz zwingend Einschränkungen bedeutet. Man kann diese Kritik entweder schweigend übergehen oder von einem zu erwartenden "grünen" Wachstum erzählen, ein „grünes“ Wachstum, mit dem die bisherige kapitalistische Produktionsweise erhalten wird, aber halt irgendwie ökologisch und irgendwie nachhaltig funktionieren soll.
Derartige Argumentationsmuster werden jedoch wenig ändern, denn egal wie eingeschränkt und unzureichend Umweltschutz betrieben wird, immer bedeutet er eine Beschränkung wirtschaftlicher Tätigkeiten. Sei es, dass eine Autobahn nicht gebaut wird, sei es, dass ein Gewerbegebiet nicht entwickelt werden kann, sei es, dass der Braunkohletagebau eingestellt wird oder sei es, dass Bauern daran gehindert werden, in Naturschutzgebieten Pestizide einsetzen zu dürfen.
Also ist es nur richtig und konsequent, denn Aspekt des "Weniger" aktiv in den Vordergrund zu stellen und ihn zum Markenkern der Bewegung zu machen. Was vernünftigerweise nicht zu leugnen ist, sollte aktiv „vermarktet“ werden.
Nun muss aber auch das "Weniger" in unserer Gesellschaft gerecht verteilt werden und das funktioniert im Kapitalismus nicht. Der nämlich beinhaltet ein über den Aspekt der Vermögensverteilung und die Verfügungsgewalt über Produktionsmittel vermitteltes Macht- und Herrschaftsverhältnis. Diese ungleiche Machtverteilung, die auch über Lebenschancen entscheidet, lässt sich nur durchbrechen, wenn der Kapitalismus als ein die Gesellschaft strukturierendes System abgeschafft wird. Der Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, ist gescheitert. Die Geschichte der Umweltbewegung der letzten Jahrzehnte zeigt dieses Scheitern deutlich auf und müsste dringend aufgearbeitet werden.

Die neue Erzählung muss der Gesellschaft als Ganzes die Verantwortung aber auch das Recht zusprechen, darüber zu befinden, wie unser Zusammenleben beschaffen sein soll, wie und mit welchen Instrumenten/Maschinen gearbeitet wird, welcher Fortschritt gesellschaftlich erwünscht ist, was in welcher Menge zu welchen Bedingungen produziert wird und welche Umweltschäden hierbei maximal akzeptabel sind.
Mit anderen Worten, die Klima- und Umweltbewegung muss eine demokratische und ökosozialistische Zukunftsvision entwickeln, die über den Kapitalismus hinausweist.

Um hier nochmals Karl Marx zu zitieren: "Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter."

Andernfalls gewinnen die rechtsextremen und rassistischen Kräfte, die einem nationalstaatlichen, ausgrenzenden Kapitalismus das Wort reden, die einen im Kern imperialistischen Kapitalismus befürworten, der auf der fortdauernden Ausbeutung der Menschen und Umwelt des Globalen Südens beruht. Dieser Kapitalismus mag andernorts tödliche Wirkungen entfalten, auf dem eigenen national definierten Territorium soll er jedoch die Lebensfähigkeit der eigenen Nation gewährleisten. Die sogenannten nationalen Interessen werden allen anderen Interessen übergeordnet. Weiße Männer sortieren die Welt, und „bauen“ eine „Volksgemeinschaft“, von der sie behaupten, dass diejenigen, die dazugehören, beschützen werden. Zum Preis einer umfangreichen Ausgrenzung all derjenigen, die nicht Teil der „Volksgemeinschaft“ sein dürfen, da sie als anders definiert werden und demgemäß nicht dazugehören.

Mit allen bekannten Folgen.