Dienstag, 28. Mai 2019
Thema: Umwelt
Es gibt Tage, da erstaunt einen selbst der KStA, so etwa am letzten Freitag (24.05.2019), als auf der Meinungsseite der Psychologe Stephan Grünwald, Geschäftsführer des „rheingold“-Instituts zu Wort kam, der über die Bewegung „Fridays for Future“ schrieb. Sein Institut hat mittels Tiefeninterviews der Motivlage der streikenden Schülerinnen und Schüler nachgespürt, die zwischen Revolte gegen eine lethargische Politik und Kampf nach (elterlicher) Anerkennung schwanken würden. Er charakterisierte die Bewegung daher noch als „Kuschel-Revolte“.
Entscheidend dabei sein letzter Absatz:
„In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob die Bewegung im unentschiedenen Kuschelkurs austrudelt oder ob sie durch radikalere Forderungen einen Generationenkonflikt riskiert, der tatsächlich den gesellschaftlichen Bequemlichkeitskonsens angreift. Diesen polarisierenden Streit würde das Land brauchen, um vorwärtszukommen und in Sachen Klima aktiv zu werden.“
Ja, da hat er Recht, noch tut die Debatte niemandem wirklich weh. Selbst die Europawahlen, mit dem für CDU und SPD katastrophalen Abschneiden, wird daran wenig ändern. Es handelte sich nur um Europawahlen und die politischen Machtverhältnisse in Bund, Ländern und Kommunen sind weitestgehend intakt. Selbst die Grünen, aktuell im 7. Himmel, sind nur auf Bewährung. Sie werden den Generationenkonflikt als erste erleben. In Köln melden die aus der jugendlichen Umweltbewegung entstammenden Neumitglieder erste Ansprüche an. Indirekt stellen sie die „Reker-Koalition“, die Kölner Variante von Jamaika, in Frage und verweisen zu Recht darauf, dass es in Köln viele Pläne und Entscheidungen gibt, die aus Köln eine umweltfreundlichere Stadt machen könnten, dass aber seit Jahren, ach Jahrzehnten, nichts umgesetzt werde. Korrekt. Und die eigene grüne Partei mit den inzwischen grauhaarigen Mandatsträger und –trägerinnen sind integraler Bestandteil der Kölner Verweigerung durch Nichtstun.

Und dies ist keine Kölner Spezialität. Die Grünen haben es sich in den Machtgefügen der Republik gemütlich gemacht. Sie sind müde, träge und bequem geworden. Sie haben ihren Frieden mit der Republik und dem Kapitalismus gemacht.
Was die Grünen erleben ist ein zweiter Frühling, aber ein geliehener. Sie verdanken ihren Erfolg einer Bewegung die sich abseits der parteiförmiger Strukturen und in bewusster Absetzung von den Parteien gebildet hat. Es ist das Glück der Grünen, dass die überparteilichen Aufrufe der Bewegung „Fridays for Future“, klimabewusst zu wählen, im bundesdeutschen Parteiengefüge nur mit einem „wählt Grün“ übersetzt werden konnte.

Das muss so nicht bleiben, denn die Bewegung drängt über den bundesdeutschen Bequemlichkeitskonsens hinaus. In den Forderungen ist dies bereits angelegt, da die „Fridays“ anscheinend als einzige begriffen haben, dass die Zeit für Entscheidungen sehr endlich ist. Die Wissenschaft gibt uns Menschen noch rund 10 Jahre, um tiefgreifende Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu ergreifen. Die Menschheit hat also nur noch rund 10 Jahre Zeit, um die Erwärmung der Atmosphäre in einem für Natur, Mensch und Gesellschaften erträglichen Rahmen zu halten. Ähnlich problematisch ist der Schutz der Biodiversität. Auch hier müssen in einem kurzen Zeitraum grundsätzliche Entscheidungen für Natur und Umwelt getroffen werden, denn andernfalls werden wir das vierte Massenaussterben der Erdgeschichte erleben. Und dieses Mal ist es menschengemacht.

Bienenschutz ist wichtig, aber beim Thema Biodiversität nur die kleinste unserer Baustellen.
Auffällig ist, dass alle Parteien inklusive der Grünen sich sehr viel von technischen Lösungen versprechen, Lösungen, die entweder noch gar nicht vorhanden oder noch nicht ausgereift sind oder die vielleicht in hochentwickelten Ländern Verbesserungen bringen könnten, im weltweiten Maßstab aber nicht mehr sind als Tropfen auf einen heißen Stein.
Und über die Zeiträume, die notwendig wären, solche technischen Lösungen umzusetzen, darüber schweigen unsere technikaffinen Propheten.

Gerne wird dabei die Digitalisierung als neues Allheilmittel zur Rettung der Menschheit philosophiert, wir vergessen in unserer digitalen Abgehobenheit aber die realen materiellen Grundlagen jeglicher menschlichen gesellschaftlichen Existenz.

Reden wir also über das Materielle am Beispiel von vier Grundstoffen menschlicher Existenz: Stahl, Sand, Soja und Baumwolle (mman könnte auch andere wählen ...).

1. Ist menschliches Leben heutzutage ohne Beton denkbar? Kein Neubau, keine U-Bahn, keine Brücke in den uns heute bekannten Formen existierte ohne den Baustoff Beton. Beton ist Infrastruktur. In Abwandlung der Fleischerwerbung kann man sagen: Beton ist ein Stück Lebenskraft. Aber: der zur Betonproduktion notwendige Grundstoff Sand ist endlich und sein Abbau zerstört Landschaften. Ein Schutz der Umwelt bedeutet hier, dass der Abbau von Sand eingeschränkt wird.
Und - Kapitalismus verpflichtet - dass er mit allen Kosten die bei Abbau, Verarbeitung, Transport und Renaturierung entstehen, belastet wird. Auch die Natur, der Lebensraum von Tieren und Pflanzen, die zerstört wird, muss mit einem Preis versehen werden. Spätestens dann wäre absehbar, dass Beton kein preiswerter Baustoff mehr ist, sondern teuer und damit wertvoll.

2. Ist menschliches Leben heutzutage ohne Stahl denkbar? Stahl steckt als Armierung im Beton, nur in dieser Kombination halten Brücken, Häuser und U-Bahn-Tunnel zusammen. Stahl steckt in jedem Auto, in jeder Maschine, ohne Stahl keine Industrie, kein Flugzeug, kein Zug, kein Kraftwerk. Die Liste ist unendlich. Und wo kommt der Grundstoff für die Stahlproduktion her? Europa hat noch eine kleine Produktion in Schweden, die größten Eisenerzlager liegen aber im brasilianischen Amazonas, wo zu Sklavenbedingungen im größten Tagebau der Welt Eisenerz gefördert wird. Dazu werden Ureinwohner/-innen vertrieben, der Urwald großflächig zerstört und die bei der Förderung entstehenden hochtoxischen Stoffe werden in flüssiger Form hinter instabilen Deichen „gelagert“. In den vergangenen Jahren sind Deiche gebrochen, die unterhalb der Deiche liegenden Dörfer wurden überflutet, Menschen erstickten im toxischen Schlamm, die Flussläufe und Uferzonen verwandelten sich in Todeszonen.
Auch hier muss gelten: Kapitalismus verpflichtet - alle Kosten der Zerstörung von Lebensraum, Natur, Umwelt und Menschenleben müssen im Preis enthalten sein. Ein möglicherweise durch Glyphosphat zerstörtes Menschenleben ist in den USA ein Mrd. Dollar wert. Welchen Wert haben im giftigen Schlamm erstickte Menschen in Brasilien?

3. Ist menschliches Leben ohne Baumwolle denkbar? Na ja, unser Kleiderschränke wären deutlich leerer, die Anzahl an Modelabels, Boutiquen und Laufstegen deutlich geringer. Tierische Grundstoffe wie Wolle dagegen können den weltweiten Bedarf an Baumwolle nicht ersetzen.
Baumwolle wird unter hohem Einsatz von Pestiziden produziert. Erntearbeiter werden damit besprüht mit gesundheitlich grausamen Folgen. Die größten Produktionsländer sind Indien, China und Brasilien. Die Arbeitsbedingungen sind, wenn wundert’s, nur hinreichend als Sklavenarbeit zu definieren. Dank Globalisierung wird die Rohbaumwolle im Pazifikraum zu ebenso schlimmen Arbeitsbedingungen für die westlichen Märkte zu Hosen, T-Shirts, Pullovern verarbeitet. Und am Ende der Produktion wird bestes Trinkwasser als vergiftete Brühe ungeklärt in die anliegenden Flüsse geleitet. Bei H&M oder C&A können wir dann die Endprodukte kaufen, für 5 bis 10 Euro. Sehr wenig Geld für sehr viel Zerstörung.
Aber Kapitalismus verpflichtet, auch hier müssen alle im Produktionsprozess anfallenden Kosten in die Produkte hineingerechnet werden. Vom fairen Lohn über die auf den Feldern zerstörten Menschenleben, die Verschmutzung der Gewässer, der Zerstörung von Lebensraum für die Baumwollfelder.

4. Ist menschliches Leben ohne Soja denkbar? Die größten Produzenten sitzen in Nord- und Südamerika. Die EU bezieht 80 Prozent des hier benötigten Sojas aus Südamerika. Das wenigste wird als Sojaprodukt von Menschen verzehrt. Der allergrößte Teil landet in den Futtertrögen unserer Schweine- / Geflügel- und Rinderzüchter, nämlich rund 90%. In Südamerika wurden bereits 24 Millionen Hektar Savanne und Urwald in Ackerland umgewandelt und die Ackerbodengewinnung durch die Rodung des Urwaldes geht munter weiter. Die heute in Einsatz befindlichen Hochleistungssorten gedeihen dabei nur mit Hilfe von Pestiziden, vorzugsweise mit dem glyphosphathaltigen aus dem Hause Monsanto. Für billiges Fleisch auf unseren Tellern.
Wie bei den übrigen hier genannten Produkten muss gelten: Kapitalismus verpflichtet - alle Kosten inklusive der Kosten für die Zerstörung der Umwelt müssen im Produkt enthalten sein. Grillen als Luxus.

zum Abschluss daher nur als hässliche Überlegung am Rande: was würde aus der Globalisierung, wenn alle Kosten der Umweltzerstörung, die durch Erdöl provoziert werden, Bestandteil des Treibstoffpreises würden? Wäre der weltweite Transport von Waren noch finanzierbar?

Anhand dieser Beispiele wird schnell deutlich, dass unser auf Massenkonsum beruhender Kapitalismus die weitestgehend kostenfreie Ausbeutung der Natur zur Grundlage hat. In der Logik des Kapitalismus: diese Stoffe haben keinen eigenständigen Preis. Die Gestehungskosten resultieren alleine aus den Kosten der Entnahme aus der Natur.
Die Natur hat im Kapitalismus bestimmte Rohstoffe möglichst preiswert „zur Verfügung“ zu stellen, damit am Ende der Produktionskette breite Bevölkerungsschichten davon profitieren können. Erhält alles einen Preis, der auch das bei der Produktion, Verarbeitung und Transport verursachte Zerstörungswerk beinhaltet, dann steht der Massenkonsum zur Disposition und damit unsere Lebensweise.

Damit wird klar, dass der Schutz von Klima und Biodiversität in der volkswirtschaftlichen Logik nicht als Win-Win-Situation abbildbar ist. Die Menschheit hat im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise dem System Erde zu viele Ressourcen entnommen und zu viel Abfallstoffe „unbearbeitet“ zurück gelassen (ein Symbol hierfür: die Plastiktüte in 8.000 Metern Wassertiefe im Mariannengraben), als dass in der bestehenden Logik weiter agiert werden könnte. Ein „Green New Deal“, ein „grüner Kapitalismus“ ist ein Widerspruch in sich und wird nicht funktionieren.

Die internationale Arbeitsteilung, die in weiten Teilen darauf beruht, dass Umweltkosten und bei uns teure Handarbeit externalisiert werden, also schädliche Produktionen und schlecht vergütete Handarbeit unter infernalischen Bedingungen nach Asien, Afrika oder Südamerika ausgelagert werden, während bei uns mit Hilfe modernster Kläranlagen, Katalysatoren und Verboten die offenkundige Belastung von Luft und Wasser reduziert wird und Gewerkschaften und Behörden über die Arbeitsbelastung wachen, diese Arbeitsteilung kann, sollen Klima und Biodiversität gerettet werden, nicht länger aufrechterhalten werden.

Wir Menschen werden unser gesamtes Leben auf eine neue Basis stellen müssen, Einkommen und Vermögen muss weltweit gerecht geteilt werden, die Ausbeutung der Rohstoffe muss reduziert werden, die Produktionsbedingungen verbessert, die damit einhergehende Zerstörung von Lebensraum beendet werden. Wenn dies nicht gelingt, wenn also in den industrialisierten Ländern weiterhin besser und sicherer gelebt wird als in wenig entwickelten Gesellschaften, wird die Dynamik des Ausgleichs der Lebensverhältnisse ungebrochen bleiben. Entweder die weniger entwickelten Länder folgen dem westlichen Entwicklungspfad der Industrialisierung durch die Zerstörung der Lebensgrundlagen oder wenn dies nicht gelingen sollte, dann erfolgt der ausgleich durch eine mal langsame, mal schnelle Wanderungsbewegung aus den zerstörten und unterentwickelten Ländern in die entwickelten Länder des Nordens. Und niemand wird an die Errichtung einer Mauer denken ...

Auch wenn es den „Fridays“ akut noch nicht bewusst sein sollte, ihre Forderungen sind jetzt bereits dergestalt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie entweder die Systemfrage stellen werden. Falls sie jedoch davor zurückschrecken bleiben sie Bestandteil des westlichen Bequemlichkeitskonsenses und die Bewegung wird einen leisen Tod sterben. Gleich einem Ikarus.


Was bricht zuerst, das Klima oder das System, das ist die zentrale Frage, die es zu beantworten gilt.

Sollte die Bewegung vor der Größe der Herausforderung zurückschrecken, dann wissen wir alle wie es ausgeht. Der Kapitalismus und wir Menschen als handelnde Subjekte im kapitalistischen System werden unsere Welt zugrunde richten.

Sehenden Auges und doch blind.